Schwabach erinnert an Reichspogromnacht

11. November 2019  Regional
Geschrieben von Redaktion

„Schwabach ist judenfrei – 24. November 1938“. Diesen Satz liest Kulturbürgermeister Dr. Roland Oeser an der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht am Schwabacher Rathaus vor. „Viele haben weggeschaut und nichts gesagt, als Mitbürger ausgegrenzt und schließlich abgeholt wurden“, sagt er in Bezug auf die Nacht vom 8. auf den 9. November 1938. Damals brannten deutschlandweit die Synagogen, wurden jüdische Geschäfte geplündert, Menschen verschleppt oder in den Selbstmord getrieben. Auch in Schwabach seien zwei jüdische Bürger verhaftet worden. Das Attentat von Halle a.d. Saale auf eine jüdische Synagoge zeige uns auch 2019, dass Hass gegen Juden in unserer Gesellschaft da sei, spannt er den Bogen in die Gegenwart. „Wir müssen den Antisemiten und Identitären entgegentreten und unser freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen schützen“, ruft Oeser den zahlreichen Menschen auf dem Marktplatz zu.

Joscha Falck von der Initiative für Demokratie – gegen Rechtsextremismus Schwabach sieht die Gedenkveranstaltung als Zeichen gegen die ständig anwachsenden Angriffe auf die Erinnerungskultur in Deutschland. Dabei verweist er auch an die Gedenktafel am Rathaus, die an den Pogrom vor 81 Jahren erinnert. Der Mittelschullehrer freut sich besonders über die Mitgestaltung der Schülerinnen und Schüler der Hans-Peter-Ruf Schule. Sie stellen das Kinderbuch „Rosa Weiss“ vor. Das Mädchen erlebt, wie Soldaten und ein Offizier in schwarzer Uniform einen kleinen Jungen einfangen und in ein Lager mit Stacheldraht und Holzhütten bringen. Dort sind ganz viele andere Kinder, die gelbe Aufnäher an der Kleidung haben. Irgendwann packen viele Leute ihre Sachen auf Wägen und verlassen die Stadt. Rosa geht noch einmal zu dem Lager hinter dem Wald, doch jetzt sind die Kinder auf einmal alle weg. Nun kommen Soldaten, allerdings in anderen Uniformen.

Im Anschluss lud die Amnesty International-Ortsgruppe Roth-Schwabach in die Alte Synagoge ein. Pfr.i.R. Werner Strekies berichtete über Paul Schneider, der als Mitglied der Bekennenden Kirche ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht wurde. Eugen Kogon schreibt in seinem Standardwerk „Der SS-Staat“ über den evangelischen Pfarrer: „Als er bei der damals üblichen Flaggenparade, das heißt dem täglichen Hissen der Nazifahne, nicht die Mütze abnahm, erhielt er sofort 25 Stockhiebe und wurde in den Bunker geworfen. Dort blieb er mehr als dreizehn Monate, bis er nach qualvollen Leiden endlich ermordet wurde.“ In dieser Zeit saß Schneider in Dunkelhaft und magerte wegen Essensentzug bis zum Skelett ab. Der SS-Scharführer Martin Sommer schlug ihn täglich mit dem Ochsenziemer und ließ ihn am 18. Juli 1939 mit einer Überdosis Strophanthin ermorden. Sommer selbst starb 1988 im Stephanusheim, einer Pflegeeinrichtung der Rummelsberger Anstalten in Schwarzenbruck.