Beobachtung der „Corona-Rebellen“

05. November 2020  Regional
Geschrieben von Redaktion

Broschüre über „Corona-Rebelllen“ vom Nürnberger Bündnis Nazistopp

“Antisemitisch”, “verschwörungstheoretisch” und “wissenschaftsfeindlich” lautete das Fazit über die “Corona-Rebellen Nürnberg”. Diese vereinten das extrem rechte Spektrum mit Impfkritiker*innen und Esoteriker*innen. Das Nürnberger Bündnis Nazistopp hatte in einem Online-Vortrag ihre Broschüre „Die ‚Corona-Rebellen‘ Nürnberg: Rechtsoffen, unsolidarisch und wissenschaftsfeindlich“ vorgestellt.

Birgit Mair vom Nürnberger Bündnis Nazistopp zeigte auf, wie vielfältig die Teilnehmenden der gut 40 Veranstaltungen gegen die Corona-Maßnahmen waren. Etwa der ehemalige NPD-Funktionär Stefan Auterhoff, der einen Fackelmarsch auf dem Reichsparteitagsgelände organisiert und Hitlers “Mein Kampf” auf seine Homepage gestellt hatte. Oder Elena Roon, die für die AfD im Bezirkstag Mittelfranken sitzt und unter ein Bild Adolf Hitlers einst schrieb: „Adolf, bitte melde dich! Deutschland braucht dich! Das Deutsche Volk!“. Oder Marion G., die als Sympathisantin der rechtsterroristischen „Gruppe S.“ gilt. Die Gruppierung hatte geplant, Mordanschläge gegen Muslime, prominente Politiker*innen und Antifaschist*innen durchzuführen.

Die Geisteshaltung der „Rebellen“, zu denen Organisationen wie „Querdenken 911“ oder „Schüler-/innen gegen die Maskenpflicht“ gehören, war auf ihren Plakaten abzulesen. Aufschriften wie „Lieber an Corona sterben als im Faschismus leben“ oder „Corona-Faschismus“ verharmlosen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik. Gleiches gälte, wenn von „gleichgeschalteten Medien“ die Rede sei. Offen antisemitisch seien Äußerungen, denen zufolge „Zionisten“ einen „Massenmord“ […] „durch Impfungen“ planten oder der jüdische Investor George Soros der Erschaffer des Virus sei. Dass gleichzeitig Teilnehmende Judensterne mit der Aufschrift „nicht geimpft“ trügen, sei an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten.

Klar wissenschaftsfeindlich sei die Behauptung, bei bisher allen Seuchen hätte die Homöopathie sehr effektiv gewirkt. Dass sich dabei explizit auf die Spanische Grippe bezogen wurde, der nach dem Ersten Weltkrieg rund 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen, sei unfassbar. Als ebenso krude gelte die Unterstellung, der (noch nicht vorhandene) Impfstoff sei viel gefährlicher als der Virus. Und die Sympathie für Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, durch dessen laxe Pandemie-Politik bis jetzt über 160.000 Menschen an COVID-19 starben, ist nicht nachvollziehbar.

Anna Heinze-Lahcalar von ver.di erläuterte die Radikalisierung in der Szene anhand des Aktivisten „Chris“. Dieser hatte die Gruppe „Widerstand 100! mitbegründet, in dessen Facebook-Gruppe auch Bilder des Lagertores im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz I mit der Aufschrift „Impfen macht frei“ gepostet wurden. Ebenso trat er zusammen mit Compact-Chefredakteur Jürgen Elsässer in dessen extrem rechten Kanal Compact-TV auf. In der Zeitschrift wird der Verschwörungsmythos verbreitet, Eliten aus Politik und Wirtschaft wollten in einem „Großen Austausch“ die angestammte Bevölkerung durch muslimische Migranten ersetzen, um so eine „Neue Weltordnung“ zu errichten. Dass Wahlen, Parlament und Staat nicht die Interessen des Volkes verträten, müsse auch „Chris“ klar gewesen sein, als er in einer Videobotschaft sagte: „Wir hier in Franken werden jetzt anfangen, eine Bürgerwehr zu gründen. (…) Wir werden ab jetzt unsere eigenen Gesetze machen“.

Die freien Fotografen Rüdiger Lösterund Roland Sauer berichteten von ihren Erfahrungen mit „Corona-Rebellen“. Bei Demonstrationen in Nürnberg seien sie etwa mit Sätzen wie „Euch müsste man an den Eiern packen und vom Platz zerren“ empfangen worden. Infolge dessen wurden beide auch tätlich bedroht und als Spione und Denunzianten-Huren bezeichnet. Dass sich ebendiese gewaltbereiten und die Pressefreiheit einschränkenden Akteure in eine Reihe mit Anne Frank, Sophie Scholl oder Dietrich Bonhoeffer stellten, war für die Fotografen nicht nachvollziehbar.