Es braucht einen Antiziganismus-Beauftragten

17. Februar 2021  Geschichte
Geschrieben von Daniel Schneider

Roberto Paskowski in Auschwitz-Birkenau [Quelle: Roberto Paskowski]

Roberto Paskowski, früherer Genosse aus Ingolstadt und Angehöriger der Deutschen Sinti und Roma fordert einen Antiziganismus-Beauftragten auf Landes- und kommunaler Ebene. Darüber hinaus berichtet er über seinen antifaschistischen Kampf gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.

Rassistische Justiz

„Die Polizei umstellte mit Maschinenpistolen und Schäferhunden unsere Wohnwagen“, skizziert der gebürtige Fürther ein Erlebnis aus seiner Jugendzeit. Damals sei es auch „normal“ gewesen, dass die bayerische Landespolizei frühmorgens die Schlafstätten von Sinti und Roma kontrollierte, erläutert er. Der in der Nachkriegsgesellschaft tief verwurzelte Antiziganismus spiegelte sich auch in der Rechtsprechung wieder. So urteilte 1956 das Bundesverfassungsgericht mit Blick auf die Minderheit: „Sie neigen […] zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung von fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb zu eigen ist.“ Damit übernahmen die Juristen kritiklos den Sprachgebrauch der Nationalsozialisten, deren Völkermord 500.000 Sinti und Roma das Leben gekostet hatte.

Stacheldraht und Sterilisation

Paskowskis Familie stammte aus Ostpreußen, seine Mutter wurde 1941 in dem sog. „Zigeunerlager“ Contiener Weg in Königsberg geboren. In diesem seit 1936 von Stacheldraht umzäunten Zwangs-und Internierungslager lebten etwa 300 Sinti. Während die Männer in den Rüstungsbetrieben arbeiten mussten, verrichteten die Frauen Zwangsarbeit in der Landwirtschaft. Viele Männer und Frauen wurden zur Sterilisation gezwungen, um die gesamte Menschengruppe der Sinti und Roma auszurotten.

Keine „Stunde Null“

Ein deutsches Gericht urteilte 1956 über die Gefangenen: „Sie wurden […] allgemein von der Bevölkerung als Landplage empfunden. Das hat die Staatsgewalt […] veranlasst, gegen sie vorbeugende Sondermaßnahmen zu ergreifen.“ Dieser staatliche Rassismus schlug vielen Überlebenden der Konzentrationslager auch in der jungen Bundesrepublik entgegen. Oft war es sogar so, dass ihnen auf dem Amt die selben Beamten und Gutachter gegenübersaßen, welche wenige Jahre zuvor ihre Deportation nach Auschwitz-Birkenau in die Wege geleitet hatten. 1946 nahm die „Zigeunerzentrale“ in München ihre Arbeit auf, 1953 verabschiedete der Bayerische Landtag die Landfahrerordnung.

Landesverband Sinti und Roma, LINKE, Kampfsport

Der 1957 geborene Paskowski sagt rückblickend auf seine Schulzeit: „Mir wurde meine Bildung geraubt.“ Als Sinto wurde er nach der 3. Klasse auf die Sonderschule überwiesen, von Lehrern aus dem ehemaligen NS-Beamten-Apparat geschlagen und von Mitschülern als „Scheißzigeuner“ beschimpft. Jetzt ist Paskowski stellvertretender Vorsitzender der Sinti und Roma in Bayern und darüber hinaus elf Jahre politisch für DIE LINKE im Bezirksausschuss Ingolstadt aktiv. Für seine langjährigen Verdienste als Bundeskampfrichter, stellv. Jugendleiter und Mitglied des Rechtsausschusses wurde er von der Bayerischen Taekwando-Union ausgezeichnet.

Antiziganismus auch heute

Dass Antiziganismus auch heute gängige Praxis ist, erläutert er anhand des NPD-Wahlplakats „Geld für die Oma statt für Sinti und Roma“, das juristisch nicht als volksverhetzend gilt. Oft stehe in den Statuten von Campingplatz-Betreibern „Landfahrer haben keinen Zutritt“. 2019 rief ein Betreiber sogar die Polizei, um zu verhindern, dass eine Sinti-Familie trotz gültigem Vertrag das Gelände betritt. „Genauso, wie es in Bayern einen Antisemitismus-Beauftragten gibt, braucht es auch dringend eine staatliche Stelle für Antiziganismus“, fordert Paskowski. Darüber hinaus müssten antiziganistische Straftaten in den Polizeistatistiken erfasst werden und die Politik aufhören, bei Armutszuwanderung und Kriminalität auf antiziganistische Stereotype zurückzugreifen. 2015 hatte der bayerische Ministerpräsident Seehofer gefordert, etwas gegen den massenhaften Asylmissbrauch aus den Balkanstaaten zu unternehmen, z.B. spezielle Abschiebelager einzurichten.

Weiterführende Literatur:

  • https://www.sinti-roma-bayern.de/
  • Flade, Roland (2008): Dieselben Augen, dieselbe Seele. Ferdinand Schöningh Verlag. Würzburg.
  • Tuckermann, Anja (2005): Mano: Der Junge, der nicht wusste, wo er war. Carl Hanser Verlag. München.