Fritz Bauer Institut demaskiert „moralischen SS-Mann“

04. Februar 2021  Geschichte
Geschrieben von Daniel Schneider

Deutsche Post (2019): Fritz Bauer. Serie Aufrechte Demokraten. BRD MiNr. 3502

Die Stilisierung eines SS-Richters als aktiven Widerstandskämpfer und Antisemitismuserfahrungen von Enkel*innen der Shoa-Überlebenden waren Thema zweier preisgekrönter Arbeiten des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt a. Main.

Über Konrad Morgen, Jurist, SS-Richter und Obersturmbannführer, referierte Percy Herrmann. Dieser sei in der deutschen Nachkriegszeit aufgrund seiner Korruptionsermittlungen innerhalb der SS als aktiver Widerstandskämpfer angesehen worden, erklärte der Historiker. So hätte Morgen in Buchenwald gegen den Lagerkommandanten Karl Koch ermittelt, was schließlich zu dessen Hinrichtung führte. Auch im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau sei der Richter gewesen, nachdem ein SS-Angehöriger ein Paket voller Zahngold nach Hause geschickt habe. Doch inhaltlich war nicht etwa die industrielle Massentötung an Jüd*innen für Morgens Recherchen von Bedeutung. Stattdessen ging er der illegalen Tötung an Häftlingen nach, die ohne konkreten Befehl eines Vorgesetzten erfolgten. Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess gab er sogar an, dass es sich bei der SS keineswegs um eine verbrecherische Organisation gehandelt hätte, da scheinbare Verbrechen alle durch einen „Führerbefehl“ legitimiert worden seien.

Eine deutsche Spruchkammer in Ludwigsburg bescheinigte Morgen aufgrund seiner beruflichen Ermittlungen gegenüber SS-Angehörigen, aktiv am Widerstand teilgenommen zu haben. Dass er die Elite-Organisation nur von geldgierigen oder disziplinlosen Elementen reinigen wollte, sah das Gremium nicht. Im Auschwitzprozess (1963) schmückte Morgen selbst diesen Mythos noch weiter aus, indem er von Ermittlungen gegen SS-Chef Heinrich Himmler oder Attentatspläne auf Adolf Hitler fabulierte. Die bundesdeutsche Presse griff die Narration vom „moralischen SS-Mann“ bereitwillig auf, da sie dem gesellschaftlichen Entlastungsbedürfnis entgegenkam. Doch heutige Forschungen zeigten, dass es für das Nachkriegsnarrativ des Widerstandskämpfers innerhalb der SS keinerlei realer Anhaltspunkte gab.

Wie sich Antisemitismus auf das Leben der dritten Generation nach der Shoa auswirkt, war Schwerpunkt des Vortrags von Jakob Eisemann. Der Soziologe wertete mit tiefenhermeneutischen Methoden Erfahrungen von Enkel*innen ehemaliger Überlebender der NS-Vernichtung aus. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass sich bestimmte Sachverhalte zwischen nichtjüdischen Deutschen und Nachfahren der Shoa scheinbar wiederholten. So käme es seitens der Mehrheitsbevölkerung zu einer Empathieverweigerung gegenüber den jüdischen Mitmenschen. Deren Emotionalität hinsichtlich der Thematik werde vielmehr als störend wahrgenommen, da sie vom eigenen distanzierten Bild auf die deutsche Geschichte abweiche. Als möglichen Lösungsansatz sieht Eisemann die Aufarbeitung innerhalb der eigenen Großeltern-Generation zur Zeit des Nationalsozialismus. Wisse man selbst über die damalige Haltung der eigenen Vorfahren Bescheid, gebe dies Sicherheit im Umgang mit Nachfahren deutscher Vernichtungspolitik.

Das Fritz Bauer Institut untersucht und dokumentiert die Geschichte der nationalsozialistischen Massenverbrechen und deren Wirkung bis in die Gegenwart. Fritz Bauer (1903–1968), jüdischer Remigrant und seit 1956 hessischer Generalstaatsanwalt, kämpfte für die Rekonstruktion des Rechtssystems in der Bundesrepublik Deutschland und für die strafrechtliche Verfolgung von NS-Verbrechern.