Sinti und Roma im Lehrplan

18. März 2021  Politik
Geschrieben von Daniel Schneider

Flagge der Roma / First World Romani Congress, 1971 (Quelle: Wikipedia)

Die Kultur und Geschichte von deutschen Sinti und Roma in den Schulalltag zu bringen, lautet das Ziel des Bildungsreferent Benjamin Adler. Bei einem Vortrag von Bildung evangelisch stellt der Münchner Unterrichtsmaterialien über die deutsche Minderheit vor.

Sinti und Roma sind „Urdeutsche“

„Sinti wurden 1407 das erste Mal in Hildesheim urkundlich erwähnt“, sagt Adler, Leiter des Projekts „Bildungsaufbruch gestalten“ (BiG). „Seit sechs Jahrhunderten sind wir sozusagen ‚Urdeutsche‘“, erklärt er. 1997 wurden die deutschen Sinti und Roma neben der dänischen Minderheit, den Friesen und Sorben als die vier alteingesessenen Minderheiten Deutschlands anerkannt. Doch obwohl die Sinti und Roma als einzige deutsche Minderheit nicht in Norddeutschland, sondern vor allem auch in Bayern vertreten sind, kommen sie im Lehrplan bis auf „weitere Bevölkerungsgruppen“, die durch den Nationalsozialismus verfolgt wurden, nicht vor.

Fächerübergreifend und differenziert

Deshalb organisiert Adler in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentralrat der Sinti und Roma Veranstaltungen zu „Sinti und Roma im Unterricht“. Dabei stellt er die Unterrichtshilfe „Bildungsaufbruch gestalten: Sinti und Roma“ vor. Deren Unterrichtsmodule können sowohl in Grund-, Förder- oder Mittelschule als auch in Realschule oder Gymnasium verwendet werden. Anknüpfungspunkte gibt es neben Geschichte und Deutsch auch in gesellschaftswissenschaftlichen Fächer wie Sozialkunde, Ethik oder Religion. Ein direkter und sehr lebensnaher Zugang eröffnet sich ebenso durch die Fächer Musik und Kunst. Anhand verschiedener Schwierigkeitsgrade kann das Material nach dem jeweiligen Lernstand der Schülerinnen und Schüler differenziert werden.

Aufklärung notwendig

Dass solch eine Aufklärung nötig sei, erklärt Rainer Burger von der Beratungseinrichtung Drom. „Die Jugendlichen sind voller Stolz, wenn die Lehrkraft ihre Kultur im Unterricht behandelt“, veranschaulicht er die positive Wirkung nach solch einer Schulstunde. Dabei sei es wichtig, das Themenfeld „Sinti und Roma“ nicht nur auf „weitere Opfergruppen des Nationalsozialismus“ zu reduzieren. Viele Lehrkräfte hätten in ihrer Ausbildung jedoch keinerlei Kontakt zu Musik, Kunst und Kultur dieser Volksgruppe.

Benachteiligung

Dass Sinti und Roma in unserer heutigen Gesellschaft weiterhin benachteiligt sind, zeigen die Statistiken. So haben Jugendliche aus dieser Bevölkerungsgruppe im Vergleich schlechtere Schulabschlüsse, ein überproportionaler Anteil würde auf Sonderschulen überwiesen. Die Erfahrung, dass Benachteiligung über den Bildungsbereich hinausgeht, schildert ein Zuschauer. „Sprich deutsch, nicht romanes mit mir – ich habe Nachbarn“, habe ein Bekannter zu ihm gesagt. Dies bestätigt eine Befragungen, bei der fast 60 Prozent angaben, keine Sinti oder Roma neben sich wohnen haben zu wollen.

Protest nach WDR-Skandal

Positiv wurde hingegen der mediale Aufschrei nach der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ gesehen. Bei dieser Talk-Show unterhielten sich vier Prominenten über „Schnitzel ohne festen Wohnsitz“ und bezeichneten die Antirassismus-Arbeit des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland als Quatsch. „Der Protest in den Sozialen Medien zeigt, dass die Sensibilisierung für dieses Thema bei den Jugendlichen funktioniert“, gab sich Bildungsreferent Adler hoffnungsvoll.