„Linksruck verhindern“ – Der Spanische Bürgerkrieg

16. September 2021  Geschichte
Geschrieben von Daniel Schneider

Flagge der II. Spanischen Republik (Quelle: Wikipedia)

Der Spanische Bürgerkrieg (1936-1939) galt vielen seiner Zeitzeug*innen als gnadenloser Stellvertreterkrieg zwischen Faschismus und Demokratie. Doch fand keine der europäischen Demokratien den Mut, die junge Republik gegen die Truppen Hitlers, Mussolinis und Francos zu unterstützen. Zu groß war die Angst der etablierten Staatsmänner vor einem „Linksruck“ auf der Iberischen Halbinsel. 1939 erkannten London und Paris Franco als Führer Spaniens an. Dass er im gleichen Moment tausende Menschen erschießen ließ, interessierte nicht. Besser Faschismus als Sozialismus, lautete das Kalkül der kapitalistischen Westmächte.

Soziale Ungleichheit

Die Ursachen des Spanischen Bürgerkriegs lagen in der gewaltigen Ungleichheit des Landes. Mit dem Verlust der letzten Kolonien (Kuba, 1898) verlor das Reich, „in dem die Sonne nie unterging“, die überseeischen Gebiete, deren Rohstoffe es bisher ausgebeutet hatte. Im europäischen Mutterland selbst herrschten halbfeudale Verhältnisse, die von tiefster Armut geprägt waren. Großgrundbesitzer befahlen auf ihren Latifundien über die besitzlose Arbeiter*innenschaft. In den wenigen Industrieregionen (Baskenland, Katalonien) kümmerten sich die Unternehmer kaum um die „Soziale Frage“.

Unzureichende Reformen

1931 wurde die Monarchie gestürzt und eine Republik ausgerufen. Die neue Regierung aus Linksrepublikaner*innen und Sozialist*innen versuchte, durch Reformen die sozialen Missstände zu beheben. Eine Agrarreform sollte Großgrundbesitzer enteignen, die Einführung der Zivilehe die Macht des römisch-katholischen Klerus begrenzen, eine großangelegte Alphabetisierungskampagne den Menschen in den ländlichen Regionen Lesen und Schreiben ermöglichen. Stieß dieses Vorhaben auf den erbitterten Widerstand der Agrarier, ging es der Arbeiter*innenschaft nicht weit genug. Diese war in der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT, der iberisch-anarchistischen Föderation FAI oder dem linken Flügel der sozialistischen Gewerkschaft UGT organisiert. Der Kommunistischen Partei hingegen kam lediglich die Rolle einer unbedeutenden Splittergruppe zu. Massenarbeitslosigkeit durch die Weltwirtschaftskrise sowie ein Wahlboykott der Anarchist*innen führten 1933 zur Wahl einer rechten Regierung. Sämtliche Reformprojekte wurden eingestellt, Streiks verboten und der Ausnahmezustand verhängt. In dieser Phase bildete sich auch die Falange Espanola, eine Partei, die ihre Vorbilder in der Partito Nazionale Fascista (Benito Mussolini, Italien) und der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei Deutschland (Adolf Hitler, Deutsches Reich) sah.

Volksfront

Das Jahr 1936 brachte die sog. „Volksfront“ an die Macht, eine Regierungskoalition aus Linksrepublikaner*innen, Sozialist*innen und Kommunist*innen. Diese wurden unterstützt von der linkssozialistischen POUM (Arbeiterpartei der marxistischen Vereinigung), der anarchosyndikalistischen CNT sowie baskischen und katalanischen Nationalist*innen. Die gewählte Regierung hatte viele Feinde: Großgrundbesitzer, Unternehmer, die Kirche, Rechtsrepublikaner und Falangisten sahen darin einen gefährlichen „Linksruck“. Die Konsequenz: Das Militär unter General Mola putschte.

Bürgerkrieg

Während das Militär wichtige Schlüsselpositionen besetzen wollte, rief die CNT einen Generalstreik aus und bewaffnete die Arbeiter*innenschaft. Dies hatte zur Folge, dass das Militär nur in Spanisch-Marokko sowie in Zentralspanien und im Nordwesten die Macht an sich riss. Die Truppen im industrialisierten Norden, Süden und Osten des Landes standen loyal zur Regierung, während die Matrosen die Flotte (ebenso die Luftwaffe) unter republikanische Kontrolle brachten.

Die Arbeiter*innen besetzen die Latifundien, es kam zur Gründung von 1.500 landwirtschaftlichen Kollektiven. In Barcelona wurden 80 Prozent der Betriebe von den Arbeiter*innen übernommen. Aus Angst vor einer sozialistischen Revolution und dem „Gespenst des Kommunismus“ verweigerten die demokratischen Westmächte der spanischen Republik jedoch Geld und Waffen. Die Putschisten baten das faschistische Italien und Deutschland um Hilfe, die neben Soldaten auch eine Luftbrücke organisierten (Legion „Condor“), um die gut ausgebildete Streitmacht von Spanisch-Marokko aufs Festland zu bringen.

Kommunisten gegen Anarchisten

Um die kapitalistischen Westmächte zur Intervention gegen die Putschisten zu bringen (nun unter Führung des Generals Franco), forderte die Sowjetunion den Abbruch der erfolgreichen Kollektivierung auf den Latifundien und in den Betrieben. Zeitgleich unterstützte Stalin die Republik mit Waffen, mit denen die sog. „Internationalen Brigaden“ aus ganz Europa ausgerüstet wurden. Diese kommunistisch dominierten Verbände standen in Konkurrenz zu den Milizen der marxistischen POUM oder der Anarchist*innen. Augenzeugen dieser innerlinken Spannungen waren etwa George Orwell, der sich der POUM anschloss oder Herbert Frahm (Willy Brandt), der als Berichterstatter der Sozialistischen Arbeiterpartei SAP vor Ort war. Durch die sowjetischen Waffenlieferungen gewan die Kommunistische Partei in der Republik an Macht und diskreditierte die antistalinistische POUM als „Franco-Trotzkisten“. Auf Seiten der Regierung verhinderte sie die Verteilung fabrikneuer russischer Waffen an die Milizen. Im Mai 1937 kam es in Barcelona zum innerlinken Bürgerkrieg. Kommunist*innen und katalanische Nationalist*innen liquidierten Milizionär*innen der POUM und CNT. Die POUM wurde von der Regierung verboten, ihre Mitglieder verhaftet.

Francos blutiger Weg

Während 1937 die deutsche Luftwaffe das Baskenstädtchen Guernica im Norden Spaniens bombardierte, rückten Francos Truppen in den anderen Landesteilen vor und installierten wieder die alten Verhältnisse. Die in Barcelona von Arbeiter*innen (nicht kommunistischen Parteimitgliedern) organisierten Betriebe wurden wieder unter kapitalistische Leitung gestellt, durch Hausbesetzungen gegründete Schulen, Krankenhäuser und Suppenküchen geschlossen, die Begrenzung von Mieten rückgängig gemacht. Bildungsangebote der „Mujeres Libres“, einer anarchistischen Frauenbewegung, die Mädchen den Schulbesuch, eine Ausbildung, aber auch den militärischen Dienst in der Miliz ermöglichte, wurden verboten. Franco unterstellte der Kirche wieder die Schulaufsicht und wurde daraufhin vom Vatikan als legitimer Repräsentant des spanischen Volkes anerkannt. 1939 folgten Großbritannien und Frankreich. In den national befreiten Gebieten wurden tausende Arbeiter*innen hingerichtet, die Löhne sanken, es herrschte Hunger. Geflohene Republikaner*innen fanden sich zuerst in französischen Internierungslagern, nach 1940 in deutschen Konzentrationslagern wieder.

Keine Vergangenheitsbewältigung

Nach dem Tod des Diktators kam es 1975 unter König Juan Carlos I. zum Übergang zur Demokratie. Die „Transición“ hatte jedoch einen hohen Preis. Konservative und Sozialist*innen einigten sich in einem „Pakt des Vergessens“ darauf, weder nationalistische Massenmorde noch Folterungen der Sicherheitskräfte zu verfolgen. Erst durch zivilgesellschaftliche Graswurzelbewegungen kam es in den 2000er Jahren dazu, Orte solcher Massenexekutionen ausfindig zu machen und die Leichen zu exhumieren.

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