Rosa Luxemburg und Sozialismus

12. November 2021  Geschichte
Geschrieben von Daniel Schneider

Portrait von Rosa Luxemburg (etwa 1895 bis 1905)

Rosa Luxemburgs Ideen für unsere Gegenwart, ihre Vorstellung von Sozialismus und ihre Kritik an Bolschewismus und Sozialdemokratie stellte Ingar Solty bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung vor.

Eine freie Gesellschaft

Für ihr kompromissloses Eintreten gegen das millionenfache Morden im 1. Weltkrieg saß Luxemburg jahrelang im Gefängnis. Den Herrschenden war ihr Friedenswille genauso wie ihr Streben nach Sozialismus ein Dorn im Auge. Sozialismus – das war für Luxemburg der Traum einer freien und gleichberechtigten Gesellschaft, in der die Erfüllung der Lebensbedürfnisse, nicht das Anhäufen von Gewinn im Mittelpunkt stand. Dafür sei die Vergesellschaftung von Großindustrie und Agrarbetrieben notwendig. Kleinbauern und einfache Handwerker waren ihrer Meinung nicht betroffen.

Gegen Privatisierung

In ihrem Werk „Die Akkumulation des Kapitals“ (1913) beschrieb sie die Funktionsweise des Kapitalismus, der um 1900 zur imperialistischen Ausbeutung der Kolonialgebiete führte. Heute lässt sich mit ihrem Ansatz die Privatisierung und Gewinnmaximierung in Bereichen wie Gesundheit, Bildung, im Rentenwesen oder der Wasserversorgung erklären. Mit „Massenstreik, Partei und Gewerkschaft“ (1906) verarbeitete die Marxistin ihre Erfahrungen aus der ersten Russischen Revolution von 1905.

Streik und Revolution

Als klassische Denkerin der Sozialdemokratie hatte sie die Bereiche Gewerkschaft, Betrieb und Parlament stets vor Augen. Die spontanen Massenkundgebungen im Zarenreich hatten gezeigt, dass Massenstreiks auch ein autoritäres System in die Knie zwingen konnten. Nach Luxemburg war es Aufgabe der SPD, die Arbeiterschaft aufzuklären und Massenstreiks vorzubereiten. Nach dem Anstoß zur Revolution sei es ihre Aufgabe, sie zu führen. Allerdings benötige es dabei einer Partei, die fest in der Arbeiterschaft verwurzelt sei. Mit einer Splitterpartei wie der KPD, die 1919 nur 100.000 Mitglieder umfasste, war solch ein Versucht automatisch zum Scheitern verurteilt.

Tradition heißt Revolution

Luxemburg zufolge waren Reformen (z.B. 8-Stunden-Tag) als Stufen zur Revolution zu sehen. Das Ziel müsse jedoch immer die sozialistische Gesellschaft im Ganzen, nicht einzelne Reformen sein. Der SPD warf sie vor, sich von der revolutionären Tradition – der Französischen Revolution (1789), Märzrevolution (1848), Pariser Kommune (1871) – entfernt zu haben und sich zu sehr mit dem Parlamentarismus zu identifizieren. Dieser verleite zu Passivität: Politik werde nicht mehr durch die Arbeiter, sondern durch die Partei für die Arbeiterschaft gemacht. Diese Kritik richtete sich gleichermaßen gegen deutsche Sozialdemokratie und russische Bolschewiki.

Demokratischer Sozialismus

Nach dem Sieg der Bolschewiki in Sowjetrussland fiel diese Kritik auf sie zurück. Unter Stalin galt der sog. „Luxemburgismus“ als eine Art halbanarchistische Romantisierung der „Revolution der Massen“. So wurde die linke Revolutionären gleich zweimal ermordet – das erste Mal 1919 durch die Sozialdemokratie am Berliner Landwehrkanal, das zweite Mal durch den Bannstrahl des Stalinismus. Erst in den 70er Jahren erkannte man ihr Denken eines demokratischen Sozialismus als eine Möglichkeit jenseits der sozialdemokratischen Reformvorstellungen einerseits und dem Staatssozialismus andererseits.

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