
Im Dezember 1955, vor 70 Jahren, schloss Deutschland mit Italien das erste Anwerbeabkommen zur Arbeitsmigration ab. Manypod, der migrationspolitische Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung, blickt zurück auf das deutsch-italienische Verhältnis.
Massaker und Vernichtungslager
Mit dem Bündnis zwischen dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland kamen ab 1938 viele italienische Arbeiter ins Reich. „Mein Großvater ging 1939 von Neapel nach Kassel“, erklärte Massimo Perinelli. Nach dem Ausscheiden Italiens aus dem Krieg wurde jedoch der Nordteil des Landes von der Wehrmacht besetzt, die zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung verübte. Eine Million italienische Soldaten wurde gefangengenommen, 600.000 davon nach Deutschland deportiert. „40.000 jüdische Italiener*innen sind in den Vernichtungslagern ermordet worden“, ging er auf ein weiteres dunkles Kapitel der deutsch-italienischen Beziehungen ein.
„Verräter“ und „Kommunisten“
In der jungen Bundesrepublik wurden Italiener*innen wegen des Ausscheidens ihres Landes 1943 aus der „Achse Berlin – Rom“ als Verräter*innen geschmäht, gleichzeitig löste die Kommunistische Partei Italien (KPI), die größte kommunistische Gruppierung Europas, bei den Deutschen Angst vor einer „roten Gefahr“ aus. „Mein Vater ist 1960 aus Sizilien gekommen und wurde als ,Spaghetti-Fresser’ und ,Makkaroni’ beschimpft“, erinnerte sich Aurora Rodonò. Ihre Schwester sei von deutschen Mitschülern oft verprügelt worden. Wobei anfangs die Schule gar nicht vorgesehen war. „Das Anwerbe-Regime fokussierte sich ausschließlich auf die Arbeitskraft“, erklärte die Kuratorin für Migrationsgeschichte im Stadtmuseum Berlin. Die Schulpflicht für italienische Kinder gehörte nicht dazu.
Armut in Sizilien
In vielen Familien hätte ein starker Assimilationsdruck an die Mehrheitsgesellschaft geherrscht, so dass die Eltern zuhause mit ihren Kindern ausschließlich deutsch sprachen. Ihr Vater, der in den 1950er Jahren auf Sizilien bei Landbesetzungen aktiv gewesen war, kam als Maurer nach Darmstadt, in seiner Freizeit arbeitete er als Gärtner bei einer reichen deutschen Familie. „Als meine Mutter 1961 nachkam, machte die Ehefrau mit ihr die ganzen Behördengänge“, beschrieb Rodonò eine eher untypische Hilfe von Deutschen gegenüber den „Gastarbeiter*innen“.
KPI in Köln
Und sie berichtet noch etwas. So habe es – auch auf Initiative italienischer Arbeiter*innen – bei VW 1962 einen Streik für bessere Arbeitsbedingungen gegeben. In Köln wurde sogar ein Ableger der KPI ins Leben gerufen. „Der ehemalige Generalsekretär der KPI kam aus dem gleichen sizilianischen Dorf wie meine Familie“, erzählte sie eine unerwartete Begegnung. So sei er einst mit ihrer Schwester gemeinsam in die Schule gegangen.
Ungewisse Rückkehr
„Meine Familie kommt aus einem Bergdorf in Kalabrien“, sagte Cristina Raffaele. Gut die Hälfte der dortigen Bevölkerung habe das Dorf schließlich verlassen. Zuerst ging es für ihre Eltern nach Norditalien, dann weiter nach Frankfurt. „Wir lebten jahrelang in einem zu kleinen Wohnbau mit der ständigen Ansage: ,Nächstes Jahr gehen wir wieder nach Italien zurück’“, erläuterte die Doktorandin an der Universität Bielefeld ihre Familiengeschichte. Und als ihr Vater nach 45 Arbeitsjahren dann die Kündigung erhielt, ging er – obwohl er in Deutschland drei Kinder hatte – wieder zurück nach Italien.
Weiterführende Links:
- RLS (8.1.2025): 70 Jahre italienische Migration in Deutschland – https://www.youtube.com/watch?v=RKlMnjrZB2Q
- Raffaele/Perinelli (2025): Dossier 70 Jahre „La Deutsche Vita“ – https://www.rosalux.de/gesellschaft-der-vielen/70-jahre-la-deutsche-vita/mehr-zur-reihe
- Die Linke SC-RH (10.5.2023): Das rassistische Erbe der Schweiz – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/das-rassistische-erbe-der-schweiz/
- Die Linke SC-RH (4.7.2021): Massenmord in Nürnberg-Langwasser – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/geschichte/massenmord-in-nuernberg-langwasser/














