Deportation und Tod „im Osten“

16. August 2025  Geschichte
Geschrieben von Kreisverband

Eine Gruppe jüdischer Frauen und Kinder auf dem Marsch auf einer Straße in Minsk, 1941 (Ernst Hermann, Deutsches Bundesarchiv N 1576 Bild 006, CC BY-SA 3.0)

Die Leidensgeschichte deutscher und österreichischer Jüd*innen, die in die Ghettos von Riga und Minsk deportiert wurden, zeichnete Professorin Andrea Löw in einem Vortrag bei der Veranstaltung „Immer mit einem Fuß im Grab“ der Stiftung Demokratie Saarland nach.

Massenmorde der SS

Die Nationalsozialist*innen deportierten im Oktober und November 1941 rund 20.000 Jüd*innen aus dem Deutschen Reich, Österreich und Luxemburg sowie etwa 5.000 Rom*ja aus dem österreichischen Burgenland ins Ghetto Lodsch/Litzmannstadt nach Polen. Später kamen 32 Transporte nach Riga und Minsk. „In Riga wurden Ende 1941 von SS und Ortskräften 27.800 lettische Jüd*innen ermordet“, erläuterte Andrea Löw. In Minsk tötete die SS circa 12.000 jüdische Einwohner*innen.

Drangvolle Enge

Die aus dem Reich eintreffenden Jüd*innen wurden nach der langen Zugfahrt, bei der es auch zahlreiche Tote gab, oftmals Zeug*innen der gerade erst stattgefundenen Massaker an der ansässigen Bevölkerung. Doch trotz der gewaltvollen Situation versuchten sie, mit ihrem 50 kg-Handgepäck, dass sie mitnehmen durften, ein Leben in der Fremde aufzubauen. Wilhelm und Johanna Schischa wurden im Februar 1941 von Wien nach Opole Lubelskie deportiert, wo sie sich mit 16 anderen Menschen ein Zimmer mit einem einzigen Bett teilen mussten. „Irgendwann wurden mehrere Holzpritschen eingebaut und im Sommer errichteten die Österreicher*innen Baracken als Schlafstätte“, skizzierte die Professorin am Institut für Zeitgeschichte die dortigen Umstände.

Bei Ankunft Tod

Arthur Czuka schrieb damals an seinen in New York lebenden Bruder Fritz, dass er bisher nur durch dessen Lebensmittelpakete überlebt habe. Auch die einheimischen Jüd*innen teilten ihr Essen mit den Neuankömmlingen, obwohl sie selbst fast nichts besaßen. Der 18-jährige Oscar Hoffmann wurde von Köln nach Riga deportiert und dort erschossen. „Transporte, die nach Litauen fuhren, hatten die Erschießung aller deutschen und österreichischen Jüd*innen am Endpunkt zum Ziel“, sagte die Historikerin.

Seuchen und Hunger

In den Ghettos musste die jüdische Selbstverwaltung den Deutschen Arbeitskräfte für die umliegenden Fabriken stellen. Zwar gab es Krankenhäuser, die von deportierten Ärzt*innen und Pflegekräften betrieben wurden, doch fehlte es an allem – Medikamente, Instrumente, Betten. So starben viele Menschen an Typhus und anderen Seuchen. Ihre Leichen wurden in Massengräbern verscharrt. „Wer Lebensmittel ins Ghetto schmuggeln wollte, wurde entweder erschossen oder gehängt“, erklärte Löw. Wer jedoch kein Essen eintauschen konnte, verhungerte. Arbeitsunfähige wurden ermordet – darunter zahlreiche Veteranen des Ersten Weltkriegs, die damals in der deutschen oder der k.u.k-Armee gekämpft hatten.

„Krankheit, Schläge, Vergasung“

Trotz der tödlichen Umstände organisierten die Deportierten Schulunterricht für die Kinder, auch Künstler*innen traten auf. „Die Mannschaften von Dortmund und Berlin traten auf dem Fußballplatz, wo sonst Selektionen stattfanden, gegeneinander an“, nannte sie ein Beispiel aus dem sportlichen Leben. 1943 wurden die Überlebenden in Minsk jedoch entweder ermordet oder in die Vernichtungslager Majdanek und Auschwitz gebracht. Der Hamburger Gerhard Hoffmann beschrieb diese Zeit so: „Hunger, Krankheit, Seuchen, Schläge, Erschießen, Vergasungen.“ Er wurde schließlich auf einem Todesmarsch vom Konzentrationslager Flossenbürg von amerikanischen Truppen befreit.

Als einzige überlebt

Die Bewohner*innen des Rigaer Ghettos wurden 1943 ebenfalls ins Konzentrationslager Riga-Kaiserwald überstellt, wo sie in den dortigen Betrieben Zwangsarbeit leisten mussten. Kinder, Alte und Kranke wurden hingegen in die Gaskammern von Auschwitz gebracht. Mit dem Herannahen der Roten Armee wurden die Rigaer Häftlinge ins Konzentrationslager Stutthof bei Danzig transportiert. „Was eigentlich mein glücklichster Augenblick sein sollte, verkehrte sich ins Gegenteil“, beschrieb die aus Stuttgart stammende Hannelore Marx den Tag der Befreiung. „Ich fühlte mich ganz allein auf dieser Welt. Es war jenseits meiner Vorstellungskraft, dass ich als einzige Überlebende meiner Familie gerettet war.“

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