
Die Revolutionärin Alexandra Kollontai erlebt heute eine Renaissance. Als erste Ministerin der Welt setzte sie sich für das Recht auf Abtreibung und die Vergesellschaftung von Sorgearbeit ein. Als eine der wenigen hochrangigen Sowjet-Funktionär*innen überlebte sie den stalinistischen Terror.
Eine reiche Familie
„Feminismus bedeutete in ihrer Zeit Mitarbeit für bürgerliche Frauenrechte“, ordnete Ingar Solty den Begriff in die Lebenswelt von Alexandra Kollontai ein. Der feministische Marxismus, den sie prägte, beinhaltete jedoch weitaus mehr – etwa auch das Recht auf Scheidung, Mutterschutz oder das Recht auf Abtreibung. Ihre Mutter besaß Landgüter in Finnland, der Vater erbte einen großen Landbesitz und war darüber hinaus General in der zaristischen Armee. „Das junge Mädchen hatte viele Bedienstete, etwa Köch*innen, Wäscher*innen und Gouvernanten, um sich“, beschrieb er das Lebensumfeld der Heranwachsenden.
Elend der Arbeiter*innen
Sie freundete sich mit jungen Handwerksburschen an und sorgte sich um deren Esel. Aber nicht das Tier starb, sondern einer der Jungen, da er keine ausreichende Winterbekleidung für den strengen Frost besaß. Dies machte ihr schon in jungen Jahren die gesellschaftliche Ungleichheit bewusst. „Als sie 9 Jahre alt war, wird Zar Alexander II. bei einem Attentat in St. Petersburg getötet“, ging der Autor der Buchreihe „Marxismen“ auf den Widerstand gegen die Verhältnisse ein. Kollontai widersetzte sich einer „Vernunftehe“ und heiratete aus Liebe einen Ingenieur, der als Fabrikinspekteur beschäftigt war. Durch seine Arbeit erlebte sie, die zu der Zeit „Das Manifest der Kommunistischen Partei“ oder „Die Frau und der Sozialismus“ von August Bebel las, das Elend der Arbeiter*innen direkt mit.
Proletarische Frauenbewegung
1896 wurde sie Zeugin eines großen Textilarbeiter*innen-Streiks und brach daraufhin mit ihrer reichen Familie. Nach dem verlorenen Krieg der zaristischen Armee gegen Japan kam es 1905 zur ersten Russischen Revolution, in Zuge dessen die bürgerlichen Frauen-Vereine auch proletarische Arbeiterinnen aufnahmen. In der so aufkommenden Klassenfrage sprach sich Kolontai jedoch für einen Bruch mit der bürgerlichen Frauenbewegung aus, um genuin die Interessen von Dienstmädchen und anderen Proletarierinnen durchzusetzen. Forderten die Bürgerlichen das Universitätsstudium für Frauen, setzte sie sich für höhere Löhne für Arbeiter*innen, Mutterschutz während der Schwangerschaft und Arbeitszeitreduzierung für die lohnabhängigen Frauen aus.
Volkskommissarin für Fürsorge
„Diese Punkte wurden 1910 in das Programm der Internationalen Arbeiterbewegung aufgenommen“, nannte Solty einen ersten Erfolg. Der zweite kam 1917 mit der zweiten Russischen Revolution, als diese Punkte in Russland auch umgesetzt wurden – mit ihr als erster Ministerin der Welt. Als Volkskommissarin für soziale Fürsorge kümmerte sie sich um Waisenkinder, ließ Eltern-Kind-Heime bauen und setzte sich dafür ein, die soziale Reproduktionsarbeit überflüssig zu machen. Gemeinschaftsküchen und -wäschereien sowie eine gemeinschaftliche Kindererziehung sollten die unentlohnte Hausarbeit vergesellschaften.
Dem Terror entkommen
1921 schloss sie sich der Arbeiter*innen-Opposition an, da sich die Partei der Bolschewiki aus ihrer Sicht gegen die Kontrolle der Arbeitsprozesse durch die Gewerkschaften stellte. Darum warnte sie energisch vor einer Bürokratisierung durch die Partei. Schließlich bat Kollontai Stalin, das Land verlassen zu dürfen, um als sowjetische Diplomatin in Norwegen und Schweden zu arbeiten – und entkam so dem „Stalinistischen Terror“. Dabei wurden rund 1,5 Millionen Sowjetbürger*innen verhaftet – Parteifunktionär*innen, Militärs, aber auch einfache Arbeiter*innen – und etwa die Hälfte erschossen. So kam es zum gewaltsamen Verschwinden der „Alten Garde“ der Bolschewiki – aber Kollontai überlebte.
Stalin ist konservativ
„Unter Stalin wurden viele Errungenschaften Kollontais wieder rückgängig gemacht“, beschrieb Regina Scheer die Situation in der Sowjetunion. So war Frauen ab 1936 der Schwangerschaftsabbruch verboten. Hatte man 1922 Homosexualität aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, wurde sie 1934 unter Stalin wieder als Straftatbestand eingeführt. „Kollontai wollte eine neue Gesellschaft und die Rolle von Mann und Frau neu denken“, erläuterte die Schriftstellerin. Das schließe auch die ökonomische Unabhängigkeit der Frau ein. „Davon sind wir heute noch weit entfernt“, stellte sie klar. Viele ihrer Forderungen seien also immer noch nicht eingelöst.
Weiterführende Links:
- Jacobin Magazin (10.11.2025): Alexandra Kollontai. Edition Marxismen – https://www.youtube.com/watch?v=Vz8mX96SpXg
- Die Linke SC-RH (9.6.2024): Die Kommunistin Alexandra Kollontai – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/geschichte/die-kommunistin-alexandra-kollontai/
- Die Linke SC-RH (26.2.2026): Marx fürs Jahr 2026 – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/global/marx-fuers-jahr-2026/
- Wiesner, Maria (2022): Radikal selbstbestimmt – https://www.neuer-weg.com/node/15057
- von Redecker, Eva (2020): Revolution für das Leben – https://www.deutschlandfunkkultur.de/eva-von-redecker-revolution-fuer-das-leben-die-welt-wahren-100.html














