
„Der Staatssozialismus als emanzipatorisches Projekt ist in China gescheitert“, erklärte Felix Wemheuer im Theorie-Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Dieser beschäftigte sich mit wichtigen Schriften des Mitbegründers der Kommunistischen Partei Chinas, Mao Tse-tung.
Land und Revolution
Mao wurde 1893 geboren und eignete sich als Autodidakt – ohne Besuch einer Universität – die Schriften Marx, Engels und Lenins an. Er war Mitbegründer der Kommunistischen Partei Chinas und bezeichnete sich ab den 1920er Jahren als „Marxist“. In seiner Heimatprovinz gründete er Gewerkschaften und organisierte mehrere Streiks. 1923 wurde er in Shanghai Mitglied im Exekutivkomitee der KP. Er gründete ein Institut zur Bildung der Bäuer*innen-Bewegung und erklärte, man müsse sich bei der Revolution auf die Landbevölkerung stützen.
Der „Lange Marsch“
Doch 1927 zerbrach die Einheitsfront zwischen der KPCh und den Kuomintang unter Chiang Kai-shek, so dass auf dessen Befehl tausende Kommunist*innen ermordet wurden. Als Reaktion darauf plädierte Mao für die Schaffung einer Roten Armee aus verarmten Bäuer*innen, die man im agrarisch geprägten Hinterland organisieren sollte. Durch den „Langen Marsch“ stieg er zur zentralen Führungsfigur in der Partei auf. Von den 90.000 Soldaten überlebten den Marsch jedoch nur 5.000.
Mao-Kult und Bürgerkrieg
Nach dem Angriff des japanischen Kaiserreichs auf China propagierte Mao die Rote Armee als nationale Befreiungsstreitmacht gegen den Imperialismus und arbeitete daraufhin auch wieder mit der Kuomintang zusammen. Ab 1937 etablierte er einen eigenen Mao-Kult um seine Person und forcierte nach der Vertreibung der japanischen Armee den Bürgerkrieg gegen Kai-shek, der am 1. Oktober zur Ausrufung der Volksrepublik China führte.
Hungersnot und Kulturrevolution
1958 kam es zum „Großen Sprung nach vorn“, der die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und die „Schlacht um Stahl“ bedeutete. Die Folge war eine Hungersnot mit bis zu 55 Millionen Toten. Nach dieser politischen Niederlage initiierte Mao die „Proletarische Kulturrevolution“, bei der er sich auf studentische Revolutionsgarden stützte, die gegen Partei-Kader, Lehrkräfte, Kulturschaffende und auch ihre eigenen Eltern vorgingen. Nach einiger Zeit ließ Mao seine jugendlichen Stoßtruppen vom Militär aufs Land deportieren.
Klassenkampf im Sozialismus
Maos zentrale These war, dass „die Städte von den Dörfern umzingelt“ seien, die Bäuer*innen als revolutionäre Subjekte mehr Macht als das Proletariat hätten. Ebenso vertrat er die Ansicht, dass der Klassenkampf auch innerhalb einer sozialistischen Gesellschaft weiter existiere. Andernorts ging man davon aus, dass mit der Revolution Gegensätze in der Gesellschaft automatisch beseitigt werden würden. In einer ersten – 1937 entstandenen – Schrift erklärte Mao, dass eine revolutionäre Praxis auch stets eine entsprechende Theorie brauche. Nur so könne die gesellschaftliche Lage begriffen werden.
Proletariat und Nationalismus
Der zweite, im gleichen Jahr entstandene, Aufsatz besagt, dass es eine Einheit der Gegensätze gäbe. Ohne Widersprüche würde das Leben – auch in der Partei – aufhören. Als Widersprüche gelten etwa die unterschiedlichen Gesellschaften in China und Japan oder die Gegensätze von Bourgeoisie und Proletariat. Der Hauptwiderspruch sei jedoch nicht von vornherein festgelegt. So könne ein anfänglicher Hauptwiderspruch – beispielsweise zwischen Bäuer*innen und nationaler Bourgeoisie – von einem anderen Widerspruch – dem von kolonialisierten Völkern und dem Imperialismus – überlagert werden.
Autoritäre Entscheidungsfindung
Louis Althusser griff diesen Gedanken auf und wandte ihn auf die Russische Revolution an. Dort kam es zu Widersprüchen zwischen Lohnarbeit und Kapital, den Kleinbauern, Großbauern und Großgrundbesitzern sowie zwischen Adel und dem Zar. Diese Gegensätze überlagerten sich dahingehend, dass die Situation der Kleinbäuer*innen unter dem Spruch „Brot und Frieden“ ausschlaggebend wurde. Zwar verwendete Mao Sprüche wie „Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern“, um Kritik an herrschenden Missständen zuzulassen. Doch der Auswahl, was „der richtige Weg“ sei, lag eine autoritäre Komponente inne.
Stalinistische Industriepolitik
„Der Staatssozialismus als emanzipatorisches Projekt ist in China gescheitert“, erklärte Felix Wemheuer, Professor für moderne Chinastudien an der Universität Köln. Denn in der gesamten Mao-Ära lag der Fokus in stalinistischer Denkweise auf dem Ausbau der Schwerindustrie. Der Konsumbedarf der Bevölkerung wurde demgegenüber als negativ zu sehende „Ausgabe“ begriffen. Bei seinem Tod 1976 hinterließ der „Große Vorsitzende“ eine von staatlichen Verfolgungskampagnen ausgelaugte Nation.
Machtanspruch und Hinrichtungen
„Die ersten beiden Texte entstanden im Widerstandskrieg gegen Japan und warben für eine breite Klassenallianz gegen die ausländischen Invasoren“, ordnete der Wissenschaftler verschiedene Textzeugnisse ein. Mit dem Fokus auf die chinesischen Klassenverhältnisse in der Gesellschaft wollte Mao seinen Machtanspruch gegenüber frisch aus Moskau zurückgekehrten Partei-Konkurrenten untermauern. Der Text der „Widersprüche“ stamme hingegen von 1957 – also noch vor der großen Hungersnot und der Kulturrevolution, die schließlich in einem Bürgerkrieg mündete. „Er benennt aber die Kampagne zur ,Ausrottung der Konterrevolution’, bei der es nach offizieller Statistik zu 700.000 Hinrichtungen kam“, erläuterte Wemheuer.
Kampf gegen Intellektuelle
Als es zu Austritten ganzer Dorf-Kollektiven aus den Genossenschaften kam, führte Mao das auf die bürokratische Partei zurück, die den Kontakt zu den Massen verloren habe. Um das zu korrigieren, müsse Kritik nun offen geäußert werden. Doch im Zuge der „Hundert-Blumen“-Bewegung wurde auch die Frage laut, warum die Partei sich nicht an die 1954 festgeschriebenen Bürgerrechte halte. Die Folge: Mao erklärte, die kritisierenden Intellektuellen seien dem System feindlich gesinnt und ließ 700.000 Chines*innen als „Rechtsabweichler“ verfolgen. „Damit wurde das Vertrauen zwischen den Intellektuellen und der Partei grundlegend zerstört“, bilanzierte der Professor.
Weiterführende Links:
- RLS (15.10.2025): Mao Tse-tung. 5 philosophische Schriften – https://www.youtube.com/watch?v=tF-Q4YAQMfw
- Die Linke SC-RH (19.3.2023): Chinas Weg zur Marktwirtschaft – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/chinas-weg-zur-marktwirtschaft/
- Die Linke SC-RH (22.1.2022): Nürnberger Menschenrechtspreis. Verbrechen in China – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/regional/nuernberger-menschenrechtspreis-verbrechen-in-china/














