
Wie der Nationalsozialismus Österreich prägt und die politischen Leitlinien der FPÖ beeinflusst, war Thema bei Deutschlandfunk und dessen Geschichtspodcast mit der Folge „Österreich. Phantomschmerz eines untergegangenen Weltreichs“.
Österreichs „Volkskanzler“
„Es ist Zeit für eine totale Hinwendung zur eigenen Bevölkerung“, hatte Herbert Kickl, Kanzlerkandidat der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), erklärt. Bei den Nationalratswahlen 2024 errang die FPÖ 28,8 Prozent und wurde somit politisch stärkste Kraft in Österreich. Bei Umfragen im September 2025 stand sie sogar bei 36 Prozent. Und Kickl macht klar: „Wir sind nicht angetreten, um ,Bundeskanzler’ zu werden – wir sind angetreten, um den ,Volkskanzler’ zu stellen!“. „Volkskanzler“ war die Bezeichnung für Adolf Hitler, bevor sich die Anrede „Führer und Reichskanzler“ durchsetzte. Nach dem Wahlsieg werde „kein Stein mehr auf dem anderen“ bleiben, verspricht Kickl seinem frenetisch jubelnden Publikum.
Habsburger Weltreich
Unter dem Habsburger Karl V. entstand im 16. Jahrhundert ein Imperium, „in dem die Sonne nie untergeht“ – umfasste es neben Gebieten in Mitteleuropa und Spanien auch Kolonien in Amerika und auf den Philippinen. Im 18. Jahrhundert wird Österreich als europäische Großmacht von Kaiserin Maria Theresia regiert, die Verwaltung, Justiz und Militär reformiert. Als Erzherzogin von Österreich sowie Königin von Ungarn herrschte sie über rund 50 Millionen Menschen. „Die Habsburger schaffen es im 19. Jahrhundert nicht, mit der Industriellen Revolution umzugehen“, kam der Geschichtsprofessor Oliver Rathkolb auf das Ende der österreichischen Hegemonie zu sprechen. Seiner Meinung nach war das Herrscherhaus schlichtweg zu absolutistisch und konservativ, um auf Dampfmaschine und Eisenbahn zu setzen.
Niedergang der Großmacht
Selbst in der Auseinandersetzung mit Preußen um die Vorherrschaft im deutschsprachigen Raum verlor Österreich 1866 den Krieg und in Europa den Einfluss. 1867 entstand die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn – die anderen Nationen des Vielvölkerstaates wie Böhmen, Mähren oder Slowaken blieben außen vor. Die Monarchie zerbrach schließlich sowohl an der wirtschaftlichen Rückständigkeit des Landes wie auch der Unfähigkeit zur partizipativen Beteiligung seiner Bevölkerungsgruppen. Als ein serbischer Nationalist im Juni 1914 in Sarajevo den Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau erschoss, ist das das Fanal zum Ersten Weltkrieg.
Heimwehr gegen Schutzbund
Nach der Niederlage blieb Österreich 1918 nur als Rumpfstaat entstehen, brachte in den zwei darauffolgenden Jahren in der Koalition von Sozialdemokratischer und Christsozialer Partei wichtige Reformen voran. Ab 1920 regierten jedoch rechtskonservative Koalitionen, von der Weltwirtschaftskrise 1929 konnte sich das Land nicht wieder erholen. Auf beiden Seiten bildeten sich paramilitärische Verbände – die konservativen „Heimwehren“ sowie der Republikanische Schutzbund. Nach dem Regierungsantritt Hitlers 1933 forderten viele österreichische Nationalsozialisten den Anschluss ihres Landes ans Deutsche Reich.
Der Austrofaschismus
Daraufhin verbietet der konservative Kanzler Engelbert Dollfuß die Gewerkschaften sowie alle Parteien und errichtete einen autoritären Ständestaat mit der „Vaterländischen Front“ als einziger politischen Organisation. Im Februar 1934 zerschlug er im Österreichischen Bürgerkrieg den Republikanischen Schutzbund, wurde jedoch selbst bei einem erfolglosen Putschversuch der österreichischen NSDAP im Juli getötet. Sein Nachfolger Kurt Schuschnigg ließ die NSDAP auf Druck Hitlers wieder zu. Im März 1938 forderte dieser eine nationalsozialistische Regierung in Österreich – andernfalls werde die Wehrmacht einmarschieren. Schuschnigg trat zurück, trotzdem rollten deutsche Panzer bis nach Wien. 250.000 Österreicher*innen bereiteten Hitler auf dem Heldenplatz der Hauptstadt einen begeisterten Empfang.
Österreichische Kriegsverbrecher
Der österreichische Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart wurde Kanzler, noch bevor die Regierung judenfeindliche Gesetze einführte, wurden jüdische Mitbürger*innen von der Bevölkerung gezwungen, die Straßen der Stadt zu schrubben. Seyß-Inquart stieg nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zum stellvertretenden Generalgouverneur im besetzten Polen auf, dann zum Statthalter in den besetzten Niederlanden, wo er die Deportationen der dortigen Jüd*innen organisierte. Der Österreicher Ernst Kaltenbrunner wurde 1943 Chef der Sicherheitspolizei und Gestapo. Der SS-Gruppenführer Odilo Globocnik war erst Gauleiter von Wien, bevor er die Aktion Reinhardt – die systematische Ermordung aller Jüd*innen, Sinti*zze und Rom*nja in Polen organisierte. Dabei wurden 1,8 Millionen Menschen in Vernichtungslager ermordet.
UNO und SA
1945 wurde Österreich von alliierten Truppen besetzt, doch die Nationalsozialisten in Verwaltung, Beamtenschaft und Parteien weiterbeschäftigt. 1955 gründete sich die FPÖ als Sammelbecken ehemaliger SS-Angehöriger, im gleichen Jahr erhielt Österreich seine Souveränität zurück – und stilisierte sich als „erstes Opfer“ des Nationalsozialismus. 1986 wurde Kurt Waldheim von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und zuvor UNO-Generalsekretär zum Bundespräsidenten gewählt. Im Krieg war er als Offizier einer SA-Reiter-Standarte auf dem Balkan eingesetzt gewesen. Die „Waldheim-Affäre“ markiert den Anfang der NS-Aufarbeitung in Österreich.
Regieren mit „Mein Kampf“
Im gleichen Jahr wurde der 36-jährige Jörg Haider zum Chef der FPÖ. Dessen Eltern gehörten zur Zeit des Austrofaschismus unter Dollfuß/Schuschnigg der verbotenen NSDAP an. Haider stellte „dem Volk“ auf der einen Seite die „die Eliten“ sowie „die Ausländer“ entgegen – und schuf so den österreichischen Rechtspopulismus. Der FPÖ-Politiker zitierte in seinen Reden Passagen aus „Mein Kampf“, in den 1990er Jahren erhält die Partei bei Wahlen 26 Prozent. 1999 kommt es zu einer Regierungskoalition von ÖVP und FPÖ. „Die FPÖ hat ein ,legeres’ Verhältnis zum Nationalsozialismus“, erläuterte die Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl. „Wenn die Leute betrunken sind, ist das erste, was ihnen einfällt, nationalsozialistische Parolen zu rufen.“
Weiterführende Links:
- Deutschlandfunk (2.10.2025): Österreich. Phantomschmerz eines untergegangenen Weltreichs – https://www.deutschlandfunk.de/oesterreich-geschichte-weltreich-nationalsozialismus-100.html
- Die Linke SC-RH (10.11.2024): Wohnen wie im „Roten Wien“ – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/geschichte/wohnen-wie-im-roten-wien/
- Die Linke SC-RH (19.2.2023): Sebastian Kurz. Radikalisierter Konservatismus – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/sebastian-kurz-radikalisierter-konservatismus/














