
Millionen Hungertote, 68.000 Hinrichtungen allein in einem Jahr und zahllose Deportationen in Straflager – die Herrschaft von Josef Stalin war geprägt von unermesslicher Gewalt. Der Deutschlandfunk beschäftigte sich mit dem sowjetischen Diktator.
Das Symbol Stalin
„Stalin ist nur ein Symbol für vergangene Größe, imperiale Macht und den Sieg im Zweiten Weltkrieg“, ordnete Jörg Baberowski den Hype um den sowjetischen Diktator während der Regierungszeit von Russlands Präsident Wladimir Putin ein. Hatte dieser doch im April 2025 den Flughafen von Wolgograd in „Stalingrad“ umbenannt. Dabei kam der eigentliche wirtschaftliche Aufschwung in der Sowjetunion unter Stalins Nachfolgern Nikita Chruschtschow und Leonid Breschnew, als sich in der Friedensphase ein bescheidener Wohlstand in der Bevölkerung entwickelte.
Exzessive Gewalt
„Stalin war ein Despot, der die UdSSR in einen modernen Industriestaat verwandeln wollte“, erläuterte der Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität Berlin – also das alte zaristische Programm, Europa wirtschaftlich ein- und schließlich zu überholen. Doch die Ansprüche des Staates stimmten nicht mit der Lebensrealität der Menschen überein – herrschte schließlich eine große Analphabeten-Quote und war die Infrastruktur im Land überall unterentwickelt. Dies veranlasste Stalin zu dem Schluss, dass man ohne exzessive Gewalt nicht vorankomme – und formulierte es in dem Satz: „Ein Mensch – ein Problem. Kein Mensch – kein Problem.“
15 mal Nationalstaat
1907 überfiel er Postkutschen und raubte Banken aus, um die in der Illegalität agierenden Bolschewiki mit Geld zu versorgen. Als Georgier aus der Provinz wurde er nach der Russischen Revolution von 1917 der erste Volkskommissar für Nationalitätenfragen und entwarf das Modell einer Union aus nationalen Republiken. Sprach Lenin noch vom „Absterben des Staates“, setzte Stalin dem 15 Nationalstaaten entgegen. So versuchte er, den Sozialismus über die Sprache und Kultur der einzelnen Nationalitäten und Volksgruppen auch in die entlegenen Dörfer zu bringen.
„Krieg trotz Stalin gewonnen“
Für seinen Aufstieg nutzte Stalin den Parteiapparat. „Als Generalsekretär der KPR (Bolschewiki) setzte er in den Provinzen die Parteiführer ein – unter dem Motto: Ich schaffe euch eure Gegner im Ort vom Hals, dafür gebt ihr mir bei den Parteitagen eure Stimme“, erläuterte Baberowski das Patronage-System. So wuchs seine innerparteiliche Gefolgschaft von Jahr zu Jahr immer stärker an. Doch mit dem Mythos des großen Feldherrn räumte schon Chruschtschow auf. „Wir haben den Zweiten Weltkrieg nicht wegen, sondern trotz Stalin gewonnen“, stellte der fest. Ließ Stalin doch im „Großen Terror“ zwei Drittel der Generäle und Offiziere der Roten Armee töten. „Allein 1937 sind 68.000 Menschen erschossen worden“, nannte der Historiker eine Größenordnung. Ohne diese massenhaften Exekutionen in der Militärführung hätte es die deutsche Wehrmacht 1941 bei ihrem Überfall viel schwerer gehabt.
Hunger, Deportation, Tote
Die Industrialisierung des Landes baute auf der Ausplünderung der Bäuer*innen und dem Konsumverzicht der Bevölkerung auf. Mehrere Millionen Menschen verhungerten in der Ukraine und in Kasachstan, Stalin ließ 2 Millionen Bäuer*innen deportieren. Im Weltkrieg gab es 20 Millionen Tote. „Die Stalin-Ära war geprägt von Chaos, Anarchie, Gewalt und Armut“, fasste es Baberowski zusammen. Als Stalin 1953 schließlich stirbt, führte sein Nachfolger Chruschtschow wieder demokratische Prozesse in den Führungsgremien der Partei ein. Meinungsverschiedenheiten wurden nun durch Abstimmungen – und nicht durch den Tod der Unterlegenen – beendet.
Erfolgreiche Entstalinisierung?
Mit sichtbarem Erfolg: Als die Stalinisten um Molotow 1957 versuchten, Chruschtschow zu stürzen, unterlagen sie. Die Mehrheit der Mitglieder des Zentralkomitees stimmte gegen sie. Ein Jahr zuvor hatte Chruschtschow auf dem 20. Parteitag eine Rede gehalten, in der er den Personenkult um Stalin geißelte. „Unter ihm wurde das GULAG-System aufgelöst, in dem 1953 bis zu 2,5 Millionen Sowjetbürger*innen inhaftiert waren“, erklärte Irina Scherbakowa eine weitere Maßnahme des neuen Parteisekretärs. Man rehabilitierte die unschuldig verhafteten, demontierte Stalin-Denkmäler und benannte zahlreiche Straßen um, ging die Gründerin der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ auf die einsetzende Entstalinisierung ein. Doch im Chaos, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 einsetzte, wurde die Regierungsägide Stalins zur „guten alten Zeit“ verklärt, in der angeblich Ordnung und Stabilität geherrscht hätte. Den Durchbruch erlangte diese Geschichtspolitik vollends mit dem Machtantritt Putins um die Jahrtausendwende.
Weiterführende Links:
- Deutschlandfunk (15.8.2025): Josef Stalin – https://www.deutschlandfunk.de/russland-geschichte-stalin-kult-100.html
- Die Linke SC-RH (20.11.2024): Lenin. Totengräber der Arbeiter*innenbewegung – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/geschichte/lenin-totengraeber-der-arbeiterinnenbewegung/
- Die Linke SC-RH (21.5.2022): Putin und der großrussische Nationalismus – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/putin-und-der-grossrussische-nationalismus/














