Zionismus: Verständigung in Palästina

20. Juli 2026  Geschichte
Geschrieben von Kreisverband

Jüd*innen fliehen aus der Jerusalemer Altstadt. Im August 1929 kam es in Palästina zu zahlreichen gewalttätigen Ausschreitungen der arabischen Nationalbewegung. Dabei starben 133 jüdische und 116 arabische Palästinenser*innen – ein enormer Rückschritt für den Verständigungszionismus. (American Colony, Jerusalem, gemeinfrei)

Welche Ansätze für gegenseitige Verständigung zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung Palästinas gab es vor 1948? Dieser Frage geht Anja Siegemund in ihrem Buch „Zentraleuropäischer Zionismus und jüdisch-arabische Verständigung vor der Staatsgründung Israels“ nach. Vorgestellt wurde es in der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Kein reiner „Judenstaat“

„Mit Blick auf die arabische Bevölkerung Palästinas lautete die Losung ,Verständigung’“, skizzierte Anja Siegemund die von ihr als „Verständigungszionismus“ gelabelte Bewegung, die im deutschsprachigen Raum die Mehrheit bildete. Einig seien sich die vielen Akteur*innen in dem Wunsch nach Konfliktvermeidung sowie der Ablehnung eines „Judenstaats“ – wie es etwa die rechtsgerichteten Revisionist*innen forderten. Dem setzte man unter anderem die Koexistenz beider Völker und eine Begegnung von Mensch zu Mensch entgegen.

Sozialismus und Pazifismus

Somit werden herkömmliche Kategorisierungen, die sich nach sozialer Grundlage oder weltanschaulichem Verständnis ordnen – etwa sozialistischer, bürgerlicher oder religiöser Zionismus – unterlaufen. Auch die Begriffe politischer bzw. Kulturzionismus griffen zu kurz. Für einen „jüdischen Universalismus“ – die Werte des Judentums sind für alle Menschen weltweit anwendbar – stehen Hugo Bergmann, Robert Weltsch oder Martin Buber. Die ethischen Werte und ihre aktive Umsetzung sind essenzieller Bestandteil des Judentums. „Beeinflusst wird diese Strömung vor allem durch den ideellen Sozialismus und Pazifismus“, erklärte die Historikerin.

Gemeinsam mit Araber*innen

Der national-liberale Zionismus setze hingegen auf die Entscheidungsfreiheit des Individuums, beinhalte jedoch auch Ansprüche des Kollektivs. Ein Vertreter dieser Denkrichtung war Felix Rosenblüth, der 1948 Israels erster Justizminister wurde. Für ihn kam dem Übereinkommen auf der politischen Makro-Ebene eine wichtige Bedeutung zu. „Die ‚gemeinsame Arbeit des Staatsvolks‘ muss zusammen mit den Araber*innen geschehen“, präzisierte die Direktorin der Stiftung Neue Synagoge Berlin Centrum Judaicum. Allerdings sei die arabische Seite weniger „Partner“ als mehr „Gegenüber“ in einem politischen Konflikt.

Sozialist*innen in Palästina

Gerda Luft, eine sozialistische Zionistin, war als Korrespondentin der „Jüdischen Rundschau“, einer zionistischen Zeitung in Deutschland, seit den 1920ern in Palästina tätig. In den 1940er Jahren schrieb sie vehement gegen den jüdischen Terror an, benannte jedoch auch Vergehen auf der arabischen Seite – etwa die Überfälle und Morde von 1929. Auch Georg Landauer ist dem linken Spektrum zuzuordnen. Er war Mitglied der zionistisch-sozialistischen Mapai, der Partei David Ben-Gurions. Er setzte sich für Gerechtigkeit unter dem Motto „Sozialismus für alle Völker“ ein.

Kollektive Selbstermächtigung

Zionismus wird von den 13 Personen, deren Werdegang in dem Buch nachgezeichnet wird, oftmals mit „Persönlichkeit“ und „Freiheit“ verbunden. Freiheit erlange man nur durch die Einstellung ins Kollektiv durch Selbstermächtigung – also Zionismus. Grundlage dafür bilde ein kritischer Humanismus. So kritisierte Rosenblüth, ehemaliger Vorsitzende der zionistischen Vereinigung für Deutschland, den Begriff „Judenstaat“ als ein irreführendes Schlagwort – machten die jüdischen Palästinenser*innen in den 1920er Jahren doch lediglich 18 Prozent der dortigen Bevölkerung aus. Das Land müsse gemeinsam mit den anderen 82 Prozent aufgebaut werden.

Gewalt und Trennung

Einige der Verständigungszionist*innen stellten klar: „Wir sind in erster Linie Palästinenser*innen – erst in zweiter Jüd*innen oder Araber*innen.“ Doch nach zahlreichen arabischen Überfällen auf jüdische Palästinenser*innen mit vielen Toten kommt es 1929 zu einem Umdenken. Nach den Gewalttaten tritt die Binationalität – also die politische Parität ohne Berücksichtigung der prozentualen Bevölkerungszahlen – in den Fokus. „1937 wird die Aufteilung in einen jüdischen und einen arabischen Staat diskutiert“, erläuterte Siegemund die weitere Entwicklung.

Mandat oder Krieg?

1947 sah Weltsch unzählige Menschenleben geopfert, wenn man auf jüdischer Seite auf die Teilung des Landes bestehen würde. Eher sollte die britische Mandatsmacht bleiben, als dass die Jüd*innen in Palästina ihren eigenen Staat gründeten – denn dann sei der Krieg unvermeidbar. Rosenblüth sprach sich ebenfalls dafür aus, den Zionismus mit friedlichen Mitteln zu verwirklichen. Er wandte jedoch ein: Wenn kein anderer Weg bliebe, müsse man kämpfen.

Andere Sichtweisen gewinnen

„Der Verständigungszionismus war eine vergleichsweise marginalisierte Bewegung, die die Partikularinteressen der Menschen nicht genügend berücksichtigte“, erklärte die Wissenschaftlerin rückblickend. Am Ende setzten sich somit andere Vorstellungen durch. Vielleicht hätte die Geschichte anders verlaufen können, wenn auf arabischer Seite nicht ein antisemitischer Scharfmacher wie der Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, das Sagen gehabt hätte, sondern eine moderate Persönlichkeit, überlegte sie. Hatten sich die arabischen Morde von 1929 doch sehr negativ auf die gemeinsame Verständigung ausgewirkt. Und nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 galt: „Der Aufbau eines israelischen Staates, nicht die Verständigung mit der arabischen Bevölkerung stand im Mittelpunkt“, sprach sie die geänderten politischen Rahmenbedingungen an.

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