
Wie das lebenslange Wegsperren von migrantischen Menschen aus der Unterschicht Privat-Unternehmen hohe Profite bringt, beschreibt Angela Davis in ihrem Buch „Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse“. Die Publikation der marxistischen Feministin war Thema im Theorie-Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Rassentrennung in Süden
Angela Davis wurde 1944 in Birmingham/Alabama geboren, einer Industriestadt, die von Kohle-, Eisenerz- und Stahlproduktion geprägt war. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren dort viele schwarze Gefangene im Einsatz, die seitens der Regierung an private Unternehmen „vermietet“ wurden. Davis Eltern entstammten der Mittelschicht. Die Mutter arbeite als Lehrerin, der Vater trotz erfolgreichem Hochschulabschluss an einer Tankstelle. In ihrem Wohnviertel erfuhr das junge Mädchen durch die weiße Nachbarschaft schon früh Rassismus. Bei einer Reise nach New York erlebte sie zum ersten Mal, dass Schwarze im ÖPNV ihren Platz im Bus frei wählen durften.
Kommunistin und Aktivistin
Als 15-Jährige entschloss sie sich, dauerhaft in New York zu leben und kam dort mit marxistischer Literatur in Kontakt. Mit Hilfe eines Stipendiums studierte Davis Französisch, etwa in Paris und Frankfurt. Am Main saß sie in Kursen von Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und Max Horkheimer. Sie wurde Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studierendenbunds (SDS), kehrte jedoch in die USA nach San Diego zurück, wo Herbert Marcuse lehrte. Dort promovierte sie zu Kants Analyse der Gewalt in der Französischen Revolution, 1967 trat sie der Black-Panther-Party sowie der Kommunistischen Partei der USA bei.
Solidarität aus Deutschland
Zwei Jahre später wurde Davis Dozentin an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Sie erlebte massive Polizeigewalt und Angriffe auf Versammlungsorte und Einrichtungen der Schwarzen. Der kalifornische Gouverneur Ronald Reagan setzte sich dafür ein, dass die Schwarze marxistisch orientierte Feministin ihre Stelle an der Hochschule verlor. Sie wurde wegen Beihilfe zur bewaffneten Gefangenenbefreiung verhaftet, jedoch in allen Anklagepunkten freigesprochen. In dieser Zeit kam es zu großen Solidaritätsbewegungen in der DDR sowie der Bundesrepublik – etwa durch Herbert Marcuse.
Haft ist eine Klassenfrage
Infolge ihrer Inhaftierung beschäftigte Davis sich mit dem gefängnisindustriellen Komplex in den USA. Denn bei den Insassen spiele Klasse, Rasse und Geschlecht eine große Rolle. Bei Verurteilungen sind kaum bürgerliche Reiche betroffen, sondern fast ausschließlich die unteren Klassen, darunter besonders viele migrantische Menschen. 35 Prozent der Inhaftierten sind Latinos, 30 Prozent Afroamerikaner*innen und 29 Prozent Weiße. In ihrem Buch „Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse“ bezog sie sich auch auf Racial Capitalism. Denn das US-amerikanische System der Justizvollzugsanstalten sei in großem Maße privatisiert und auf Profit ausgerichtet – die Leidtragenden Nicht-Weiße.
Profit-System Gefängnis
Lag die Zahl der in den USA inhaftierten Menschen in den 1960er Jahren noch bei etwa 200.000, sind es mittlerweile über 2 Millionen. Damit bilden US-amerikanische Häftlinge mit 20 Prozent aller auf der Welt eingesperrten global gesehen die größte Gruppe. Vor allem in den 1980ern ist es zu einem massiven Neubau von Gefängnissen in dem Land gekommen. Die geltende Gesetzgebung besagt, dass es nach drei Verurteilungen automatisch zu einer lebenslangen Haft kommen kann. In dieser Situation bieten private Unternehmen dem Staat ein Rundum-Paket für Strafvollzug und Gefängnisdesign an. Für jeden eingesperrten Menschen erhalten die Firmen einen festgelegten Betrag vom Staat. Auch der Transport und die Kontrolle der Bewährungsauflagen sind privatisiert.
Verhaltensänderung durch Isolation?
Für Davis steht das Gefängnis-System für ein staatliches Programm zur gesellschaftlichen Regulierung, da vor allem Migrant*innen aus der Unterschicht einsitzen. In ihren Augen wird in vielen Gefängnissen die Tradition der Sklaverei fortgeführt. Denn mit der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft entstanden die Gefängnisse als eine bestimmte Form der Bestrafung. Der Freiheitsentzug und die Isolierung in Einzelzellen sollte den Betroffenen die Möglichkeit zum Nachdenken über ihre Tat geben. Es wurde unterstellt, die Isolierung von der Gesellschaft führe automatisch zu Reue und einer dauerhaften Verhaltensänderung.
Keine Rückkehr in Gesellschaft
Davis wandte jedoch ein, dass es bei inhaftierten Frauen durch die regelmäßige Kontrolle aller Körperöffnungen zu institutionalisierten sexuellen Übergriffen komme. Praktiken wie die digitale Video-Überwachung der Gefangenen stellten für sie nur eine Reform hin zu einer besseren Effizienz des Systems dar. Eine erfolgreiche Resozialisierung und gelungene Rückkehr in die Gesellschaft wird damit jedoch nicht erreicht. Denn nach der Verbüßung der ersten mehrjährigen Haftstrafe sind die Lebensumstände für die Betroffenen meist so widrig, dass es bald zu einer zweiten Inhaftierung kommt. Der dritte Gesetzeskonflikt bedeutet mitunter lebenslange Haft – also bis zum Tod im Gefängnis. Dem setzt Davis Lebensverhältnisse entgegen, in denen die bisherigen Delikte nicht mehr auftreten – und somit eine Gesellschaft ohne Gefängnisse.
Weiterführende Links:
- RLS (7.11.2025): Angela Davis. Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? – https://www.youtube.com/watch?v=sX0YowKeyVs
- Die Linke SC-RH (23.10.2025): Kein Knast für Fahren ohne Fahrschein – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/kein-knast-fuer-fahren-ohne-fahrschein/
- Die Linke SC-RH (17.11.2022): Luxemburgs Gefängnisbrief – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/kultur/luxemburgs-gefaengnisbrief/














