
Rechtsextreme Motive sind weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitet und profitieren von neoliberalem Denken und autoritärem Kapitalismus. Die 20. Folge von Armutszeugnis, dem wirtschaftspolitischen Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung, beschäftigte sich mit dem „Erstarken der Rechten“.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer arbeitete schon 1987 in einer Jugendstudie heraus, dass rechtsextreme Einstellungen bei jungen Menschen in allen gesellschaftlichen Schichten und Milieus verbreitet sind. So galt dies in den 1980er Jahren für etwa 10 Prozent der westdeutschen Bevölkerung. Dabei bediente man sich der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, bei der man Gruppen konstruiere, die man im Gegensatz zur eigenen Bezugsgruppe abwerte. Dies erfolgt z. B. durch Rassismus, Antisemitismus, die Abwertung Obdachloser, Flüchtender, Sinti und Roma, Homosexueller oder Langzeitarbeitsloser.
Rechtsextreme und „die Mitte“
Der Wissenschaftler betonte, dass die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ein Phänomen der Mitte sei. Rechte und rechtsextreme Parteien geben diesem Denken mittlerweile ein politisches Angebot. Dabei liegen viele Normen der Rechten in der Gesellschaft schon vor, zahlreiche ihrer Positionen werden bereits von den Parteien „der Mitte“ vertreten. So ist auch die AfD für den Zuzug „fleißiger“ Arbeitsmigrant*innen, die das deutsche Bruttoinlandsprodukt steigern sollen. Fast alle deutschen Parteien unterscheiden in „nützliche“ und „nutzlose“ Migrant*innen.
Verunsicherung und Verlust
Menschen erfahren durch Krisen den Verlust sozialer Bindungen und gesellschaftlicher Teilhabe. Auch die Sorge vor Statusverlust kann zu solch einer Entsicherung führen. Der Rückbau von öffentlichen Dienstleistungen und Infrastruktur aufgrund staatlicher Sparmaßnahmen signalisiert den dort lebenden Menschen, dass sie und ihre Bedürfnisse nicht wichtig seien. Das kann eine große Anerkennungsverletzung bilden – gegen die als Kompensation neue Zugehörigkeiten und Anerkennungsquellen gesucht werden. Dies kann sich auch in Abwertung Schwächerer äußern, um sich so selbst aufzuwerten.
Konkurrenz und Kontrollverlust
Die krisenhafte Entwicklung im Kapitalismus wirkt sich auf die soziale Integration der Menschen aus, was sich in deren Ablehnung oder Akzeptanz von Demokratie niederschlagen kann. So führte die kapitalistische Globalisierung laut Heitmeyer dazu, dass nationale Produktionsstandorte in immer größerer Konkurrenz zueinander stünden. Der so entstandene autoritäre Kapitalismus löste eine soziale Desintegration im Inneren aus, die langfristig mit einer Demokratie-Entleerung einherging. Der dadurch erlebte Kontrollverlust macht Menschen empfänglich für demokratiefeindliche und diskriminierende Angebote.
Neoliberaler Extremismus
Die Mitte-Studie 2022/23 stellt fest: „Die neoliberalen Anrufungen des marktförmigen Leitbildes drücken sich in den Einstellungen von Menschen als relevante Normen aus.“ Diese „Werte“ bedeuten neben mehr Wettbewerb auch mehr Individualisierung und mehr Eigenverantwortung. Das neoliberale Versprechen lautet: „Wenn du dich genügend anstrengst, kannst du es schaffen!“ Doch die spürbaren Verluste durch kapitalistische Krisen führt bei vielen Menschen zur Enttäuschung dieses Versprechens. Als Konsequenz seien sie der Mitte-Studie zufolge empfänglich für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und rechtsextreme Ideologie. Das umfasse rund 20 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung.
Familie und Nation
Menschen, die an die neoliberale Leistungs-Erzählung glauben, von ihr jedoch enttäuscht würden, zeigen wiederum kaum Solidarität mit „richtigen“ Verlierer*innen des Systems. Denn das passe ins Schema „Konkurrenz“ und „Jede*r gegen jede*n“. Rechte „Problemlöse-Strategien“ vermittelten durch ihre einfachen Antworten ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit, indem sie auf unverrückbaren Gemeinschaften – etwa der Nation, der traditionellen Kleinfamilie oder dem binären Geschlechterdenken – fußen. Dies gebe den Menschen Halt. Wer jedoch daran rüttele – seien es Migrant*innen, Queers oder der Feminismus – bedrohe diese Gemeinschaft.
Millionenfache Ausbeutung
Lohnabhängige Beschäftigte werden mit ihrem Lohn für ihre Arbeitskraft bezahlt, wobei das nicht den gesamten Wert ihrer Arbeit darstellt. Dieser fließt als Mehrwert bzw. Gewinn in die Taschen des*der Unternehmer*in, so dass die Arbeitskräfte also ausgebeutet werden. Die Arbeit von Millionen Lohnabhängigen schafft somit den Reichtum und das Eigentum von Wenigen. Auf diesem Konzept fußt die bürgerliche Gesellschaft. Wenn Menschen durch kapitalistische Krisen ihren Job und ihre Ersparnisse verlieren, suchen sie die Schuld nicht bei den Ausbeuter*innen, sondern bei denen, die sich ihrer Meinung nach „nicht genug angestrengt“ haben. Reiche hätten sich ihren Reichtum hingegen ja schließlich selbst verdient.
Weiterführende Links:
- RLS (12.9.2025): #20: Armutszeugnis. Das Erstarken der Rechten – https://www.youtube.com/watch?v=2SxL_RQvOuE
- Die Linke SC-RH (24.8.2025): Armutszeugnis. AfD und Austeritätspolitik – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/armutszeugnis-afd-und-austeritaetspolitik/
- Die Linke SC-RH (24.3.2025): Rechts, wo die Mitte ist – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/rechts-wo-die-mitte-ist/














