
Wem eine zersplitterte Arbeiter*innen-Klasse dient und wie Unternehmer*innen Männer gegen Frauen und Einheimische gegen Migrant*innen ausspielen, erläuterte die Professorin Nicole Mayer-Ahuja in ihrem Buch „Klassengesellschaft akut“. Dieses stellte sie in „Armutszeugnis“, dem wirtschaftspolitischen Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung, vor.
Klasse und Lebenschancen
„Zwischen denen, die fremde Arbeitskraft einkaufen, um so Produkte herzustellen oder Dienstleistungen zu erbringen – also Gewinne zu machen –, und denen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, verläuft ein tiefer Graben“, stellte Nicole Mayer-Ahuja fest. Denn letztere, also Lohnabhängige bzw. abhängig Beschäftigte, gehörten der arbeitenden Klasse an. „Die Klassenstrukturen beschränken die Lebenschancen von Menschen“, bilanzierte die Professorin der Universität Göttingen. Entstanden ist diese Spaltungslinie im 19. Jahrhundert und besteht in unserer Gesellschaft bis heute fort.
Klassengegensätze existieren
„Klasse“ lässt sich jedoch nicht an einzelnen Berufsgruppen festmachen, sondern ist ein soziales Verhältnis – und auch die Verhältnisse innerhalb der Klasse sind in ständiger Bewegung. Karl Marx hatte die Entstehung des Kapitalismus intensiv beobachtet. „Seine Analyse stellte später einen zentralen Bestandteil gewerkschaftlicher Organisation dar“, erläuterte Mayer-Ahuja. Doch wurde in der Nachkriegszeit der 50er und 60er Jahre statt der Klassen der Fokus auf die Mittelstandsgesellschaft – mit angeblichen Aufstiegschancen für alle – hegemonial. Zwar stiegen die Löhne und mehr Kinder aus Arbeiter*innen-Familien studierten – an den grundlegenden Eigentumsverhältnissen änderte sich jedoch nichts. Der Privatbesitz an Fabriken und Unternehmen war fester Bestandteil der jungen Bundesrepublik, die Klassengegensätze wirkten also weiter.
Die arbeitende Klasse
2025 waren 92 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung abhängig Beschäftigte. Viele Alleinselbstständige, die bei ihren Aufträgen auf einen bestimmten Kunden angewiesen sind, müssten eigentlich auch dazu gezählt werden – stehen statistisch jedoch aufseiten der Unternehmer*innen oder denen, die allein von der Rendite ihrer Geschäftsanteile leben. Auch Kinder, Hausfrauen und Renter*innen müssten der arbeitenden Klasse zugeordnet werden. „Es sind nicht nur Industrie-Arbeiter, sondern auch Beschäftigte in Dienstleistungsbranchen oder selbstständige Grafikwebdesigner*innen“, machte die Soziologin die Bandbreite deutlich. Allen sei jedoch gemein, dass sie ihre Arbeitskraft gegen Geld eintauschen müssten.
Ausbeutung und Hierarchie
Doch mache die Leistung, die die Beschäftigten erbrächten, meistens nur deren Chefs reicher. „Das hat etwas mit Ausbeutung zu tun“, erläuterte Mayer-Ahuja. So entscheide die Unternehmensleitung, was gemacht werde – und nicht die Mehrheit der Beschäftigten. Das zeigt: Die Arbeit ist nicht nur ausbeuterisch, sondern auch undemokratisch organisiert. Dass das funktioniert, hat viel mit der Konkurrenz zu tun, die für den Kapitalismus existenziell ist. Denn die Trennlinie zwischen Kapital und Arbeit verläuft entlang von Geschlecht, Herkunft und Migrationsstatus. „Schon von Beginn an wurden Frauen deutlich schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen“, rief sie die Anfänge der Industrialisierung in Erinnerung.
Männer gegen Frauen
Denn da diese nach der Arbeit zuhause noch der Doppelbelastung der Sorgearbeit ausgesetzt waren, konnten sie sich schlichtweg schlechter organisieren, um ihre Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen durchzusetzen. Durch die niedrigen Personalkosten der Frauen machten die Unternehmen somit zusätzliche Gewinne. Auch setzten die weiblichen „Billiglohnkräfte“ die im Betrieb arbeitenden Männer finanziell unter Druck. Gewerkschaften sprachen sich deshalb gegen die Anstellung von Frauen in Fabriken aus, um ein Lohndumping zu vermeiden – anstatt für höhere Löhne für alle zu streiten. Die Belegschaft wurde seitens der Unternehmer*innen also an der Bruchlinie „Geschlecht“ gespalten.
Ethnische Abstufungen
Auch heutzutage könne man regelmäßig am „Equal-Pay-Day“ sehen, dass Frauen deutlich weniger verdienen als Männer. Sie arbeiten meist in schlechter bezahlten Branchen – beispielsweise in der Gebäudereinigung oder im Einzelhandel – und haben deutlich schlechtere Aufstiegschancen als Männer. Teilzeitstellen, in denen man entsprechend weniger verdient, werden zum Großteil von Frauen ausgeführt. Eine weitere Trennlinie stellt die Herkunft dar, das gemäß des „Management by race“ schon im 19. Jahrhundert bestimmte Arbeiten an die Nationalität knüpfte. Auf den großen Schifffahrtslinien waren vor allem Heizer aus Indien tief im Schiffsinneren eingesetzt, während weiße Stuarts die Passagiere auf dem sonnigen Promenaden-Deck bedienten.
Gewerkschaftliche Organisation
„Heute stellen Unternehmen in prekären Arbeitsbereichen Beschäftigte aus 23 unterschiedlichen Nationen ein – jede*r ist für einen anderen Arbeitsprozess zuständig“, beschrieb sie die Fragmentierung der Belegschaft. Die sprachliche und organisatorische Spaltung erschwere die Durchsetzung gemeinsamer Interessen. In einem Logistikunternehmen suchte die Gewerkschaft jedoch in den einzelnen Arbeitsgruppen nach Personen mit besonders hohem Ansehen. „Über diese Menschen schaffte man es, eine Betriebsratswahl voranzutreiben“, nannte Mayer-Ahuja Erfolge der gewerkschaftlichen Organisation trotz struktureller Zersplitterung. Die Regierung unter Friedrich Merz sieht sie nicht auf Seiten der Beschäftigten. Denn die aktuelle Politik vertiefe mit ihren Debatten über zu häufige Fehltage kranker Beschäftigter, junger Menschen, die angeblich einer Work-Life-Balance frönten oder Migrant*innen, die eine Belastung für das Sozialsystem darstellten, die Spaltung innerhalb der arbeitenden Klasse.
Weiterführende Links:
- RLS (8.5.2026): Wie spaltet uns die Lohnarbeit? – https://www.youtube.com/watch?v=JJPanzsuadc
- Die Linke SC-RH (15.10.2025): Nicole Mayer-Ahuja. Klassengesellschaft akut – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/nicole-mayer-ahuja-klassengesellschaft-akut/
- Die Linke SC-RH (11.2.2026): Die Kritik der Sauer’schen „Klasse“ – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/die-kritik-der-sauerschen-klasse/














