Armutszeugnis: Weibliche Sorgearbeit

20. August 2026  Gesellschaft
Geschrieben von Redaktion

Bild: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Wie kann man verhindern, dass Haushalt, Erziehung und Pflege entweder kostenlos durch Frauen im privaten Haushalt oder zu schlechtem Lohn in einem Pflegeheim geleistet werden? Im wirtschaftspolitischen Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung sprach Barbara Fried über „Sorgende Städte“ und eine mexikanische „Utopie“.

Kostenlose Familien-Arbeit

Schon Marx und Engels stellten 1846 in der „Deutschen Ideologie“ fest: „Die Verfügung des Mannes über die Arbeit der Frau in der Familie ist das erste Eigentum.“ Die Aufteilung der Arbeit in die Produktion von Gütern und die Reproduktion des Lebens ist dabei die geschlechtliche Seite des Eigentumsverhältnisses. „Mit Aufkommen des Kapitalismus findet die Produktion zumeist in Fabriken statt, während Pflege, Kindererziehung und emotionale Zuwendung an Frauen innerhalb der Familie delegiert wird, die sie unentlohnt verrichten“, erläuterte Barbara Fried. Das bedeute, dass ein Großteil der reproduktiven Arbeit außerhalb des Lohnverhältnisses geleistet werde. „Das ist Ausbeutung“, brachte es die Referentin für klassenpolitischen Feminismus und sozialistische Transformation in der Rosa-Luxemburg-Stiftung auf den Punkt.

Verfügung über Arbeitskraft

Deshalb müsse die Sphärentrennung zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit aufgehoben werden. Nur so könne man die geschlechtliche Arbeitsteilung abschaffen, durch die Sorgearbeit an Frauen und ins Private abgeschoben werde. Gleichfalls könnten so die gewaltvollen patriarchalen Geschlechterverhältnisse im Kapitalismus abgebaut werden. Die Ungleichheit über Verfügung von (weiblicher) Arbeitskraft in der Familie findet sich auch außerhalb der eigenen vier Wände wieder. „Einige verfügen über Fabriken oder private Pflegeheime – und können so andere für sich arbeiten lassen“, sprach Fried das Fundament der gesellschaftlichen Klassenspaltung an. Die Folge: Gesellschaftlich produzierter Reichtum werde von ihnen einfach privat abgeschöpft.

Arbeitsteilung beenden

Der Kapitalismus fuße auf der Unterordnung solcher als weiblich markierter Tätigkeiten der Sorgearbeit, die entweder gar nicht oder nur schlecht entlohnt würden. Das habe auch die Abwertung der Person selbst – also der Frau – zur Folge. Vergesellschaftung müsse deshalb die geschlechtliche Arbeitsteilung in Gänze aufheben. Denn sonst würde die Überausbeutung der weiblichen Sorgearbeit – sei es unentgeltlich zu Hause oder schlecht bezahlt in einem Pflegeberuf – unangetastet bleiben und weiterhin für den Kapitalismus ausbeutbar bleiben. „Selbst wenn die Sorgearbeit paritätisch zwischen den Geschlechtern aufgeteilt wird, kommt es im Vergleich zur Produktion von Gütern in der Profitökonomie weiterhin zu Abwertung“, blickte sie auf das Wirtschaftssystem.

„Sorgende Städte“

Dem setzt sie eine Gemeinwohlökonomie entgegen, die aus der Perspektive der menschlichen Bedürfnisse plant und organisiert. „Im ersten Schritt soll Sorgearbeit aus der Privatheit und Prekarität in öffentliche Verantwortung geholt werden“, machte Fried klar. Im zweiten gehe es dann darum, die Sphärentrennung gänzlich aufzuheben. Dieser Transformationsprozess laufe unter dem Slogan „Sorgende Städte“. Dabei gehe es um den Ausbau von Infrastruktur im Care-Bereich. Denn mittlerweile „diene“ Pflege zunehmend privaten Investitionsfonds als Anlageobjekt, etwa in der stationären Altenpflege oder der ambulanten Gesundheitsversorgung.

Feministische „Utopie“

Wie die Transformation funktionieren kann, zeigt ein Blick nach Mexiko. Denn in der 9,2 Millionen Einwohner zählenden Kapitale Mexiko-Stadt gibt es ein groß angelegtes Programm von Sorge-Zentren, die den Namen „Utopia“ haben. Initiiert wurden sie von der linken feministischen Bürgermeisterin Clara Brugada. Zuvor war sie Bezirksbürgermeisterin in einem der ärmsten Stadtviertel gewesen, in dem 1,8 Millionen Menschen lebten. Dort etablierte sie 14 solcher Zentren, deren Fokus auf Inklusion und sozialen Zusammenhalt liegt. Das Motto lautet: „Sorgen für die, die sorgen.“

Öffentliche Dienstleistungen

In ihnen sollen Bildung, Gesundheit, Kultur, Sport und soziale Dienstleistungen wohnortnah und kostenlos als öffentliche Aufgabe angeboten werden. Die Zielgruppen sind Frauen, ältere Menschen, Kinder sowie Personen mit Beeinträchtigungen. So gebe es dort öffentliche Wäschereien, Kiez-Küchen, Kinderbetreuung, Tagesangebote für ältere Menschen und Beratung zu Gesundheitsfragen. „Morgens bringe ich meine Tochter in die dortige Kita und den alten Vater in die Tagespflege, gebe die Kleidung in der Wäscherei ab, gehe zur Physiotherapie und mache noch eine Fortbildung in einem Computerkurs“, zählte Fried auf.

Entlastung der Kleinfamilie

Bevor es wieder nach Hause gehe, könne man in der Gemeinschaftsküche noch das Abendessen holen. Sorgearbeit soll somit nicht auf die Kleinfamilie abgewälzt, sondern diese durch die gemeinschaftlichen Unterstützungsangebote entlastet werden. Das Programm wird nun auf die gesamte Hauptstadt ausgeweitet.

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