
Die katastrophalen Zustände bei Lieferdiensten waren das Thema der 310. Folge des Dissens-Podcasts. Der einstige Fahrradkurier Orry Mittenmayer sprach über Probleme, aber auch erfolgreiche Arbeitskämpfe.
Existenzbedrohender Niedriglohn
„Auch wenn man eine gute Ausbildung hat oder studierte, kann man wahnsinnig schnell im Niedriglohnsektor landen“, erklärt Orry Mittenmayer. Und dann finde man sich schnell in prekären Arbeitsbedingungen wieder. „Der mickrige Lohn wird von der Miete aufgefressen, die sich am Ende alleine durch Überstunden begleichen lässt“, warnte der ehemalige Fahrradkurier. In solch einer Situation habe man das Gefühl, als Mensch nichts mehr wert zu sein, man isoliere sich und ziehe sich von der Gesellschaft zurück, beschrieb er den Teufelskreis.
Lieferdienst als Notösung
Er selbst sei ausgebildeter Buchhändler gewesen, habe jedoch als Einzelhändler in der Bekleidungsbranche gearbeitet. Der Wunsch, das Abitur an einer Abendschule nachzuholen und seine Schwerhörigkeit führten schließlich zum Zerwürfnis mit seinem Arbeitgeber, worauf er kündigte. „Dadurch verlor ich meinen Anspruch auf Arbeitslosengeld“, beschrieb er die Konsequenzen. Und um eine Existenzsicherung zu haben, verdingte Mittenmayer sich als 23-Jähriger beim Lieferdienst Foodora.
Alles privat finanzieren
„Als ich vor 10 Jahren angefangen habe, mussten wir alles – bis auf die Transportbox – selbst stellen“, stellte er klar. Heißt: Das Fahrrad, Handy und die Klamotten mussten alles privat finanziert werden – der Mindestlohn lag bei gerade einmal 8,50 Euro. „Da man zu allen vier Jahreszeiten draußen war, brauchte man viel Kleidung, weil man sie nicht täglich waschen konnte“, blickte er zurück. Fiel das Handy im Winter auf den Boden und war kaputt, musste man sich sofort ein neues kaufen. „So entstanden im Jahr Mehrkosten von bis zu 2.000 Euro“, rechnete Mittenmayer zusammen. Oftmals habe allein die Höhe des Trinkgelds darüber entschieden, ob man sich abends eine warme Mahlzeit leisten konnte.
Körperliche Schwerstarbeit
„In meinen besten Zeiten habe ich in 8 Stunden 110 Kilometer zurückgelegt“, verdeutlichte er die Arbeitsbelastung. „Du läufst da nonstop Treppen rauf und runter, um deine Sachen abzuliefern“, beschrieb er seinen Alltag. Auf Dauer sei der Körper dazu jedoch nicht in der Lage. Um trotz der eng getakteten Transportzeiten noch einen Bonus zu erhalten, missachteten manche Rider*innen irgendwann auch Verkehrsregeln. „Ein Unfall in Frankfurt zur Hauptverkehrszeit kann für die Fahrradkurier*innen mitunter tödlich enden“, gab Mittenmayer zu bedenken.
Zusammenhalt der Belegschaft
„2017 erhielten viele von uns ihren Lohn nur unvollständig ausgezahlt“, erinnerte er sich – nun bei Deliveroo. 80 Prozent seiner Kolleg*innen sprachen kein Deutsch, fast alle hatten nur befristete Arbeitsverträge. Einer machte den Vorschlag, in die Gewerkschaft einzutreten. „Mit gemeinsamem Kochen und Biertrinken, mit Tipps zu Fahrradwerkstätten und Ärzt*innenbesuchen haben wir unter den Rider*innen Community-Arbeit geleistet“, blickte er zurück. Bei diesem Vertrauensvorschuss machten viele mit. Die Folge: der erste Betriebsrat in der Branche.
Verdrängung als Konzept
„Wegen Missachtung von Arbeitnehmer*innen-Rechten muss Delivery Hero eine Milliarden-Strafe an die EU zahlen“, umriss der ehemalige Betriebsratsvorsitzende die „Unternehmenskultur“. Oberstes Ziel eines jeden Lieferdienstes sei, alle anderen Marktteilnehmer*innen zu verdrängen und so selbst das einzig dominante Unternehmen zu werden. „Deliveroo rieb sich auf, Foodaro wurde von Lieferando geschluckt“, beschrieb er die Strategie, die – zu Kosten der befristet oder als Soloselbstständige angestellen Fahrradkurier*innen – bei einer Firma aufging.
Tarifvertrag gegen Niedriglohn
„Ein allgemeiner Tarifvertrag in der Lieferbranche – sei es bei Amazon oder Lieferando – könnte den Niedriglohnsektor nachhaltig schwächen“, erklärte Mittenmayer, der jetzt für die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) tätig ist. Höhere Löhne bedeuteten ein höheres Steueraufkommen und somit mehr Geld für Bildung und Infrastruktur.
Weiterführende Links:
- Dissens (16.7.2025): Lieferdienstbranche: „Die Dumpinglöhne machen auch uns als Gesellschaft ärmer“ – https://podcast.dissenspodcast.de/310-arbeit
- Die Linke SC-RH (2.6.2024): Arbeitsmigration in Europa – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/europa/arbeitsmigration-in-europa/
- Liefern am Limit – https://liefernamlimit.podigee.io/














