Care-Arbeit: Pflegekräfte aus Osteuropa

14. November 2025  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Häufig wird häusliche Pflege nicht von externen Diensten oder Zivildienstleistenden, sondern von osteuropäischen Frauen erbracht, die bis zu sechs Wochen am Stück bei den Kunden leben (Andreas Bohnenstengel, CC BY-SA 3.0 de).

Welche Konsequenzen hat die Arbeitsmigration bei Pflegekräften für die Heimatländer in Osteuropa? Die „Systemfragen“ des Deutschlandfunks gingen der Abwanderung von Care-Arbeiter*innen auf die Spur.

Unentbehrliche Pflegekräfte

Ohne Menschen aus Osteuropa, die in Deutschland in der stationären und häuslichen Pflege arbeiten, geht nichts mehr – denn bei der Versorgung pflegebedürftiger Angehöriger sind sie unentbehrlich geworden. Viele dieser Frauen kommen aus Polen, Bulgarien oder Rumänien. Es wird geschätzt, dass jährlich 700.000 Personen aus diesen Herkunftsländern in deutschen Haushalten arbeiten. Neben der Bundesrepublik sind auch Österreich, Italien oder die Niederlande Ziele solcher Arbeitsmigration.

Sechs Wochen Pflegearbeit

Eine deutsche Familie, die eine Pflegekraft benötigt, wendet sich an eine deutsche Agentur, die sich in Verbindung mit – beispielsweise – einer polnischen Agentur setzt. Diese hat mit zahlreichen Betreuungskräften einen Vertrag, so dass eine dann gemäß dem Entsendegesetz nach Deutschland geschickt wird. Das besagt, dass die Person in ihrem Herkunftsland kranken- und rentenversichert ist. Meistens arbeiten sie für sechs Wochen in der jeweiligen Familie, während sie dann sechs Wochen in ihrer Heimat verbringen. Frauen, die nicht bei einer Agentur angestellt sind, müssen ihre Arbeitsdauer mitunter immer wieder selbst verhandeln.

24-Stunden-Betreuung?

In Deutschland gilt für sie die Bezahlung nach Mindestlohn, die 40-Stunden-Woche und ein freier Tag in der Woche. Ob die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden, lässt sich jedoch nicht immer überprüfen. Viele der Pflegekräfte verlassen etwa den Haushalt nicht, da sonst in dieser Zeit die zu betreuende Person allein zurückgelassen werden müsste – was aus dem 8-Stunden-Tag oftmals eine 24-Stunden-rund um die Uhr-Betreuung macht.

Patriarchales Gesellschaftsbild

In vielen osteuropäischen Ländern ist die Pflege von Familienangehörigen reine Privatsache der Frauen – oftmals der Töchter oder angeheirateten Schwiegertöchter. Staatliche oder kirchliche Pflegeheime gibt es kaum – oder wenn, sind diese sehr teuer. In Polen wurde über die Medien gesellschaftlicher Druck auf Care-Arbeiter*innen ausgeübt, dass sie mit der Arbeit im Ausland ihre Kinder zu „Waisen“ machten. Bei den polnischen Männern, die auf deutschen Baustellen oder im internationalen Fernverkehr arbeiteten, gab es einen solch stigmatisierenden Diskurs nicht.

Kein Traumberuf

Um die eigenen Eltern zu pflegen, bildet sich in Polen mittlerweile ein Markt für Care-Arbeiter*innen aus der Ukraine oder Slowenien. Auch in Deutschland steigt durch den demografischen Wandel die Nachfrage nach Pflegekräften, doch kommen – aufgrund besserer Verdienstmöglichkeiten und anderer Zukunftspläne – immer weniger jüngere Care-Arbeiter*innen aus den bisherigen Herkunftsländern in die Bundesrepublik. Das führe dazu, dass die Preise stiegen und viele Familien in Deutschland diese Betreuungskosten nicht mehr aufbringen könnten.

Abwanderung und Pflege-Desaster

In Rumänien, aus dem viele pflegende Frauen nach Mittel- und Westeuropa kommen, leben einer Umfrage unter alten Menschen zufolge 36 Prozent allein und 40 Prozent mit einem*r gleichaltrigen Partner*in zusammen. Von den Alleinlebenden haben viele Schwierigkeiten bei der Bewältigung alltäglicher Aktivitäten – von einkaufen und Arztbesuchen über den Hausputz bis hin zu kochen und der eigenen Körperpflege. So entsteht durch die Abwanderung von Arbeitskräften nach Deutschland eine riesige Versorgungslücke.

Leben in Senior*innen-Gemeinschaft

Früher kümmerte sich die ganze Dorfgemeinschaft um die Kinder und Senior*innen. Eine Option wäre, Gemeinschaften in dieser Richtung wiederzubeleben. In Ungarn gibt es beispielsweise das Konzept von kleinen Dörfern, in die ältere Menschen ziehen und dort zusammen leben und sich unterstützen. Denn nichts ist so leistungsfähig wie ein Zuhause, in dem man seine Unabhängigkeit bewahren und die Nähe zu anderen Menschen genießen kann.

Weiterführende Links:

« zurück