Christina Clemm: Gegen Frauenhass

22. Dezember 2025  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Christina Clemm, Frankfurter Buchmesse 2023 (Elena Ternovaja, CC BY-SA 3.0)

Als Anwältin hat Christina Clemm hunderte Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt vertreten. Bei der Stiftung Demokratie Saarland stellt die Rechtsanwältin ihre Streitschrift „Gegen Frauenhass“vor. Das Buch stand in den Sachbuch-Bestenlisten von Zeit, Deutschlandfunk Kultur und ZDF und 2024 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Vom Töten schweigen?

„Würden wir am Jahresende eine Schweigeminute für jede von ihrem (Ex)Partner ermordete Frau halten, müssten wir über 2 Stunden schweigen“, beschrieb Christina Clemm das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen. Gedächte man aller Frauen, die einen solchen Tötungsversuch überlebt haben, wären es 6 Stunden. „Würden wir bei jeder Körperverletzung, sexueller Nötigung oder Belästigung den Mund halten, bräuchten wir eigentlich gar nicht mehr reden“, veranschaulichte es die Rechtsanwältin für Straf- und Familienrecht.

Misshandelt und ermordet

Ihre Klientinnen sprechen mit Bezug auf die geschlechtsbezogene Gewalt von Ekel, Scham und Schmerz, aber auch von Verzweiflung, Selbsthass und Verunsicherung. „Sie sind wütend darüber, dass sie niemand schützt und niemand ihr Leid anerkennt“, sagte die Berliner Juristin. Der Hass gegen Frauen sei strukturell und zielgerichtet, er stabilisiere das patriarchale System. „Der gefährlichste Ort für eine Frau ist immer noch das eigene Zuhause“, stellte Clemm fest. Gefährlich sei aber auch das Feiern am Wochenende, der nächtliche Heimweg oder der Arbeitsplatz. „Frauen, die Sexarbeit oder Begleitservice-, Pflege- oder Putzdienste verrichten, müssen noch mehr damit rechnen, von Männern misshandelt, ausgebeutet oder ermordet zu werden“, bilanzierte sie.

Ungeheure Brutalität

Bei häuslicher Gewalt geht die Gewalt von einem Menschen aus, mit dem die Betroffenen zusammengelebt, ihm vertraut und geliebt haben. „Für Frauen gibt es wortwörtlich keinen Rückzugsraum“, paraphrasiert sie die Gewalt in den eigenen vier Wänden. Denn die Täter haben ihre Opfer oft monatelang mit dem Tod bedroht und gedemütigt. Selbst, wenn diese in eine andere Stadt zogen, um dem zu entfliehen, würden sie gejagt, gesucht und getötet. „Oft weisen Femizide mehr Brutalität auf, als für die Tötung eines Menschen nötig wäre“, erläuterte Clemm. Dieses Phänomen aggressiver Gewalt nenne man „Übertötung“.

Es fehlen Frauenhäuser

Dem stünde ein eklatanter Mangel an Frauenhaus-Plätzen gegenüber. „Täglich werden dutzende Schutzsuchende abgewiesen“, gab sie zu bedenken. Gleichfalls finde keine flächendeckende Hochrisiko-Einschätzung – also, wie gefährlich ein möglicher Täter sei – statt. Präventive Maßnahmen gegen Täter existierten so gut wie nicht. „Ich wünsche mir Urteile, die auf Entschädigung abzielen und Verhaltensänderungen der Täter, auf ein Ende der Gefahr“, sagte die Rechtsanwältin. Schließlich habe es sich erwiesen, dass Geld- oder Haftstrafen keine abschreckende Wirkung hätten.

Vorbild El Salvador

Bei einer Neuregelung des Strafrechts sollten ihrer Meinung nach Taten, die auf Frauenhass oder -geringschätzung beruhen, als besonders verwerflich angesehen werden. Gleiches sollte bei rassistischen, antisemitischen, antimuslimischen oder queerfeindlichen Motiven gelten. Und nennt El Salvador als Beispiel. Das dort seit 2010 geltende Sondergesetz für ein gewaltfreies Leben der Frau achtet bei der Urteilsfindung von Femiziden besonders darauf, ob es der Täter die Ungleichheit seiner geschlechtsspezifischen Machtposition ausnutzte und ob es schon vor der Tötung Gewalt durch den Täter ausgeübt wurde.

Panikattacken und Depression

Häufig beginnt die Gewalt verbal und eskaliert in einer Spirale immer weiter bis zum tätlichen Angriff. Die einzelnen Herabwürdigungen könnten durchaus von mehreren schönen und „guten“ Tagen unterbrochen sein – bis es eben doch zum nächsten Ereignis kommt. „Mit jedem Mal schrumpft die Widerstandsfähigkeit der Betroffenen“, erklärte Clemm. Denn psychische Gewalt und körperliche Aggression seien eine massive Belastung für die Opfer. Folgen sind Schlafstörungen, Panikattacken und Depressionen. Es kommt zu Kontrolle und Isolation – die Frau soll sämtliche Kontakte zu anderen Bezugsgruppen wie Arbeitskolleg*innen, Freund*innen und sogar der eigenen Familie abbrechen.

Kontrolle und Neid

Das eigenständige Ausgehen und Verabredungen mit Bekannten wird missbilligt. „Manche Täter begleiten ihre Partnerin sogar beim Einkaufen und dem Arzt-Besuch, um spontane Begegnungen zu unterbinden“, erläuterte sie. Oftmals werde der Standort per Handy-Tracking nachverfolgt, das Smartphone selbst nach Chatverläufen und Bildern durchsucht. „Alles Eigenständige wird als Beweis von Untreue und Fehlverhalten gesehen“, nahm Clemm die Täter-Perspektive ein. Beruflicher Erfolg weiblicher Führungskräfte könne Neid – und somit auch Gewalt – auslösen. „Manche Unternehmerinnen schweigen aus Angst vor beruflichen Konsequenzen – nach dem Motto: Wenn sie sich schlagen lässt, kann sie sich nicht durchsetzen“, sagte sie.

Solidarität und Hilfe

Gewalt gegen Frauen komme in allen Gesellschaftsschichten vor. „Der prügelnde Chefarzt weiß, wo die Schläge schmerzen, aber ungesehen bleiben“, nannte sie ein Beispiel. Der Vater dreier Kinder könne darauf vertrauen, dass die von ihm ökonomisch abhängige Frau ihn nicht verlassen werde. Und der, dessen Frau kaum Deutsch spricht und weit von der Herkunftsfamilie entfernt sei, kann darauf setzen, dass sie sich wenig Unterstützungsmöglichkeiten holen kann. „Das Opfer braucht schnelle, professionelle Hilfe und ein solidarisches Umfeld“, forderte Clemm.

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