Demonstrationen in Deutschland

29. September 2025  Gesellschaft
Geschrieben von Redaktion

Bereits beim Ostermarsch 2011 in München richtete sich die Kritik gegen militärische Aufrüstung (Wikimedia: Rufus46, CC BY-SA 4.0).

Dass Straßenproteste und Demos auch eine konservative Schlagrichtung haben können, zeigte Philipp Gassert bei seinem Vortrag „Demokratie und deutsche Protestgeschichte“. In der Stiftung Demokratie Saarland sprach er über Protest vom Kaiserreich über die 68er-Bewegung bis zu „Brandmauer“-Kundgebungen gegen Friedrich Merz.

Klimaschutz und Corona-Protest

In den vergangenen Jahren blickt Deutschland auf eine Vielzahl von Protesten zurück. 2018/19 streikten mit Fridays for Future jeden Freitag tausende Menschen fürs Klima, im Sommer 2020 gingen Unzählige nach der Ermordung von George Floyd mit „Black Lives Matter“auf die Straße. Mit der Corona-Pandemie protestierten Querdenker*innen gegen die staatlichen Verordnungen, am 29. August 2020 fand der „Sturm auf den Reichstag“ von Reichsbürger*innen und Corona-Gegner*innen statt.

Landwirt*innen und Rechtsextreme

Die „letzte Generation“ versuchte erfolglos, mit Sitzblockaden auf Straßen das 9-Euro-Ticket zurückzuholen, während 2024 Bäuer*innen mit ihren Traktor-Blockaden auf Autobahnen Subventionskürzungen der Bundesregierung rückgängig machten. Im gleichen Jahr gingen Millionen Menschen gegen die Remigrationspläne der AfD und für Demokratie auf die Straße. Anfang 2025 kam es nach dem Schulterschluss von Friedrich Merz mit der AfD in Sachen Migration zu weiteren Massenkundgebungen.

Großes Gemeinschaftserlebnis

„Demonstrationen sind Gemeinschaftserlebnisse im öffentlichen Raum, die schon Jahrhunderte alt sind“, erklärte Philipp Gassert. So hätte etwa schon die Arbeiter*innen-Bewegung im Kaiserreich zu Massenkundgebungen aufgerufen, die Studierenden-Bewegung protestierte 1967 gegen den Schah-Besuch und 1989 gingen tausende DDR-Bürger*innen für ein freies Land auf die Straßen von Leipzig, Dresden und Co. Demonstrationen seien aber auch ein „Gruppen-Event“, dessen sinnstiftende Erfahrung einen emotionalen Gewinn für die Teilnehmenden darstelle, erläuterte der Historiker.

Auch Politiker*innen demonstrieren

Mittlerweile hätten sich Demonstrationen in einer Demokratie so normalisiert, dass mitunter selbst Staatsoberhäupter auf die Straße gingen – etwa 2015 nach dem islamistischen Terroranschlag auf die französische Satire- Zeitschrift Charlie Hebdo. „Heutzutage sind viele Proteste konsensorientiert, systemerhaltend und für die etablierte Ordnung“, bilanzierte Gassert. Bei den Bauprotesten gegen „Stuttgart 21“ sollte etwa alles so bleiben, wie es bisher war.

Druck aufbauen

Darüber hinaus sei Protest aber auch kollektiver Ausdruck von Unzufriedenheit mit den gesellschaftlich-politischen Zuständen und will Druck auf die Politik aufbauen. Adressat sind auch die Medien, die über ihre Berichterstattung eine politische Kommunikation erst möglich machen. Proteste zeigen auch an, was einer Gesellschaft wichtig ist – beispielsweise 2019 der Wunsch nach mehr Klimaschutz.

Alliierte und sowjetische Gewalt

Zu den ersten Massendemonstrationen in der Bundesrepublik kam es bereits 1948 im Zuge der Währungsreform in der Trizone. Denn die Maßnahme Ludwig Erhardts führte dazu, dass zwar die Nahrungsmittelpreise stiegen – bei Eiern betrug die Preiserhöhung bis zu 2000 Prozent -, die Löhne jedoch stagnierten. In manchen westdeutschen Städten wurde die alliierte Militärpolizei gegen Demonstrierende eingesetzt. 1953 verschärfte die DDR-Regierung die Arbeitsnorm, was ebenfalls zu Massenprotesten führte. Am 17. Juni setzte die Staatsmacht sowjetische Panzer gegen die Arbeiter*innen ein.

Protest in jedem Wohnzimmer

„Ende der 60er Jahre hatte fast jeder westdeutsche Haushalt einen Fernseher“, beschrieb der Professor der Universität Mannheim die kulturelle Veränderung. So konnten die Menschen in den Wohnzimmern „live“ antiimperialistische Vietnam-Proteste auf den Straßen Berlins miterleben. Obwohl die „68er“ politisch keinen Erfolg hatten, prägten sie auf diese Weise die westdeutsche Gesellschaft kulturell grundlegend.

Raketen und Kraftwerke

1983 wurde mit dem NATO-Doppelbeschluss der Höhepunkt der bundesdeutschen Friedensbewegung erreicht, 400.000 Menschen bildeten von Stuttgart bis Neu-Ulm eine Kette. „Hier protestierten junge Familien mit ihren Kindern gemeinsam mit älteren Generationen gegen die Stationierung atomarer Pershing-II-Raketen“, machte Gassert das breite gesellschaftliche Spektrum deutlich. Auch bei Anti-AKW-Protesten standen konservative Landwirte Seite an Seite mit progressiven Städter*innen. Die Zustimmung von CDU/CSU und FDP zum NATO-Doppelbeschluss ließ die politischen Ziele der Friedensbewegung jedoch scheitern.

Kirche und Friedensbewegung

In der DDR stellte die Friedensbewegung der 80er Jahre die größte soziale Bewegung dar. Auf dem Kirchentag in Wittenberg wurden 1983 öffentlichkeitswirksam Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet, beim Kirchentag in Greifswald waren 1985 sowohl Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt wie auch Bundespräsident Richard von Weizäcker zu Gast. „Der Berliner Appell ,Frieden schaffen ohne Waffen’ wurde 1982 sowohl von dem unorthodoxen Marxisten Robert Havemann und dem evangelischen Pfarrer Rainer Eppelmann verfasst“, wies er auf die breite Unterstützung hin. Man nahm den Staat beim Wort, der sich zwar als Friedensmacht inszenierte, aber nicht als Friedensstaat handelte.

Demonstration für Vergangenheit

Nachdem das SED-Regime durch friedliche Massenproteste gestürzt wurde, fanden seit 2014 im wiedervereinigten Deutschland mit den „Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA) wieder sogenannte „Montagsproteste“ statt. „Heute kann Protest, der den aktuellen Wohlstand und den gewohnten Lebensstil erhalten will, eher als statusbewahrend und modernisierungskritisch – also konservativ – angesehen werden“, sprach Gassert den Funktionswandel vom reaktionären Kaiserreich zur parlamentarische Demokratie an.

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