Die Elite gegen die Mehrheit

20. Dezember 2025  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Die Hochzeit eines Angehörigen des Corps Normannia Halle, 1933. Aber auch heute sind (groß)bürgerliche Eliten immer noch in den entscheidenden Machtpositionen. (Corps Normannia Halle, CC BY-SA 3.0 de)

„Das Großbürgertum in der Politik macht Politik für das Großbürgertum in der Wirtschaft“, paraphrasierte der Eliten-Forscher Michael Hartmann die funktionierenden Machtmechanismen. Im Dissens-Podcast sprach der über den Zusammenhang von Oberschicht und Eliten-Zugehörigkeit.

Eliten an der Macht

„Trotz gradueller Veränderungen, etwa bei der Quote der Frauen, bleibt das System bei Verteilungs- und Klassenfragen weitgehend identisch“, erklärte Michael Hartmann – und meint damit die Besetzung von Spitzenpositionen vom Deutschen Kaiserreich bis zur Bundesrepublik der 2020er Jahre. Für den Wissenschaftler setzt sich diese Elite aus Spitzenpolitiker*innen, Unternehmens-Manager*innen, Verwaltungsbeamt*innen und Bundesrichter*innen zusammen. In gewissen Maße gelte das auch für Medien und Wissenschaft.

Ungleichheit ohne Steuergerechtigkeit

„Eine meiner Fragen war, ob die soziale Ungleichheit von der befragten Person als gerecht betrachtet wird“, beschrieb der Soziologe frühere Studien. Das Ergebnis: Je höher die soziale Herkunft, desto eher wurden soziale Unterschiede als gerecht angesehen. Bei der Frage, ob eine höhere Besteuerung hoher Einkommen, Vermögen und Erbschaften erfolgen sollte, sprachen sich diejenigen, die nicht aus der Arbeiter*innen-Klasse, sondern aus bürgerlichen oder großbürgerlichen Verhältnissen stammten, mit überwältigender Mehrheit dagegen aus – egal, ob die Person Parteimitglied der Union oder SPD-Genoss*in war.

Streichung bei Pflege und Bürgergeld

Die Konsequenzen sähe man in der Tagespolitik. „Bei der Pflege wird intensiv debattiert, ob man den Pflegegrad 1 abschafft“, blickte Hartmann auf die aktuellen Sparpläne der schwarz-roten Bundesregierung. Pflegende Angehörige erhalten dabei pro Monat 130 Euro – etwa, um stundenweise eine Haushaltshilfe anzustellen oder einmal im Monat eine Tagespflege zu ermöglichen. „Das Einsparpotenzial ist also sehr begrenzt, die menschlichen Schäden aber sehr hoch“, bilanzierte er. Die Umstellung vom Bürgergeld auf die Grundsicherung führe dazu, dass Menschen, die ihren Job verloren haben, auch ihr Haus verkaufen müssten. Im alten System wurde ein privates Eigenheim nicht dem Vermögen zugerechnet. „Die Leute in politischer Verantwortung, die diese Sparpläne entwerfen, haben keinerlei Verständnis für die Lebensrealität der gewöhnlichen Menschen“, kritisierte er.

„Totalverweiger*innen“ oder Überreiche?

Und wenn Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), dessen Vermögen auf 20 Millionen Euro geschätzt wird, erkläre, eine Vermögenssteuer sei verfassungswidrig, rede er Quatsch – spreche aber eben das aus, was in seinen Kreisen viele denken. So lautete das Hauptargument zur Abschaffung des Bürgergelds die Sanktionierung sogenannter „Totalverweiger*innen“ – eine Maßnahme, die den Staat etwa 170 Millionen Euro sparen ließen. „Eine ein-prozentige Vermögenssteuer der 4.000 reichsten Deutschen, die ein Gesamtvermögen von 3 Billionen Euro haben, brächte dem Haushalt 30 Milliarden – jedes Jahr“, zog Hartmann einen Vergleich.

Diäten machen das Leben leicht

Doch über dieses Missverhältnis werde – auch medial – nicht geredet. Stattdessen gehe der Blick immer zu denen, die unten seien. „Denn blickt man nach oben, wäre die Mehrheit der Entscheidungsträger*innen betroffen“, führte der frühere Professor der TU Darmstadt aus. Eine ähnliche Diskrepanz sei beim Thema Wohnen zu beobachten. „Der Mietmarkt in München oder Berlin ist für normale Menschen eine Katastrophe – für Abgeordnete, die Diäten von 11.833 Euro im Monat erhalten, ist das kein großes Problem“, veranschaulichte er die verschiedenen Standpunkte. Diese Leute hätten niemanden in prekären Lebensverhältnissen um sich, sondern eher Verständnis für Personen mit hohen Einkommen und Vermögen.

Mehrheit hat keine Chance

Dieser Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Herkunft und Abstimmungsverhalten im Bundestag zeige sich etwa auch darin, dass die Forderungen der unteren Hälfte der Bevölkerung – die jedoch den Interessen der obersten 10 Prozent zuwiderliefen – keine Chance auf Umsetzung haben. „Die Politik der vergangenen Jahrzehnten führte zur Spaltung der Gesellschaft: Vor allem den unteren zwei Dritteln der Gesellschaft geht es schlechter“, stellte der Wissenschaftler fest. So habe der Neoliberalismus seit den 1980ern zur Individualisierung geführt. Der Rechtspopulismus knüpfe an diese Zerstörung kollektiver Solidarität an.

Union gleich Sozialdemokratie

Die Folge des Neoliberalismus: Zwischen den linksliberalen und den konservativen Eliten gibt es kaum noch Unterschiede. So wurde die größte Deregulierung des Arbeitsmarktes, die Agenda 2010, beispielsweise von dem Sozialdemokrat Gerhard Schröder durchgeführt. „Das Gefühl ist: Egal, welche der etablierten Parteien ich wähle, das Ergebnis ist immer das gleiche“, fasste Hartmann die Resignation der Menschen zusammen. Die AfD, die vorgab, gegen die Politik der etablierten Parteien zu sein, erhielt vor allem unter einstigen Nicht-Wähler*innen große Zustimmung.

Interessen des obersten Prozent

Seit den 1990ern habe es kein Regierungskabinett gegeben, in dem nicht Minister*innen aus den obersten 4 Prozent die Mehrheit stellten. „Mit Karl Theodor zu Guttenberg saß unter Merkel sogar einer der 300 reichsten Deutschen am Regierungstisch“, rief Hartmann in Erinnerung. Durch diese große Homogenität werde es wahrscheinlicher, dass Entscheidungen im Interesse des obersten 1 Prozent und nicht der restlichen 99 getroffen würden. „Vor allem in den zentralen Ministerien Finanzen und Wirtschaft hat das Bürger- und Großbürgertum die Mehrheit“, hielt er fest.

Eliten-Projekt verschleiern

Die Gefahr: Wenn sich die Menschen bewusst würden, dass es nicht auf die persönliche Leistung, sondern die Herkunft ankomme, könnte das ihre Leistungsbereitschaft für die Gesellschaft einschränken. Deshalb sei es ein großes Anliegen, die elitäre Reproduktion der Führungsspitze zu verschleiern. „Je größer die sozialen Unterschiede sind, desto häufiger wird betont, dass es doch viele Menschen aus einfachen Verhältnissen nach oben schaffen könnten“, nannte Hartmann ein Beispiel. Denn diese Ausnahmen verdeckten den Normalfall – wo ein sozialer Aufstieg unmöglich ist. „Das soll vergessen lassen, dass es so etwas wie Klassengegensätze gibt“, schloss er.

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