
Vor welchen Hürden steht der „grüne“ Kapitalismus und wie wollen die Menschen wirklich leben? Die Professorin Nora Räthzel gab Einblicke in ihre Forschungsarbeit zur „Gesellschaft von morgen“ aus Sicht der Beschäftigten.
Mitbestimmung in Betrieb
„Die Klimakrise ist eindeutig eine Klassenfrage“, stellte Nora Räthzel fest. Denn nicht „wir“ seien schuld an der Erderhitzung, sondern das Produktionssystem, das Kapital und die Profitorientierung. „Es braucht kein ,grünes’ Wachstum, sondern eine Reduktion im Ressourcenverbrauch“, forderte die Soziologie-Professorin an der Universität Umeå. Dazu beitragen könnten die Beschäftigten selbst – indem sie ihre Alternativ-Ideen zur Organisation der Betriebe jenseits der Management-Meinung einbrächten. „Angestellte der britischen Luftfahrindustrie fordern eine von Arbeiter*innen geleitete Zukunftsvision der Branche“, nannte sie ein Beispiel.
„Brot und Rosen“
Denn schon im 19. Jahrhundert sei der Zusammenhang von Arbeit und Natur für die Gewerkschaftsbewegung offensichtlich gewesen – erwuchsen daraus schließlich die „Naturfreunde“, die sich für Umweltschutz und einen sanften Tourismus einsetzen. Und US-amerikanische Gewerkschaften forderten unter dem Slogan „Brot und Rosen“ neben einer gerechten Arbeitsverteilung auch die gleichberechtigte Teilhabe aller Kinder an Natur, Bildung und Musik.
Unerträgliches Wachstum
Ein Bundeskongress der IG Metall hatte 1972 eine Demokratisierung des Arbeitslebens und eine Fokussierung auf die Wechselwirkung von Verkehr und Umwelt zum Ziel. Dabei stellte der damalige Entwicklungsminister Erhard Eppler (SPD) fest: „Sicher scheint, dass dasselbe Wirtschaftswachstum, das unsere Leben in den letzten 100 Jahren in vielem angenehmer gemacht hat, es schließlich auch unerträglich machen kann.“ Dass dieses Wachstum nicht einfach weitergehen könne, machte Räthzel an einem anschaulichen Beispiel verständlich.
Grüner Kapitalismus scheitert
So ist die Peñasquito-Silbermine in Mexiko mit 103 Quadratkilometer etwa so groß wie die nordfriesische Insel Sylt – und durch den Tagebau verantwortlich für massive Entwaldung, Zerstörung der Ökosysteme und den Verlust von Biodiversität. „Wollte man den momentanen Energieverbrauch komplett durch Erneuerbare Energien decken, bräuchte es 130 weitere solcher Minen“, erläuterte sie. Der Grund: Moderne Solarmodule benötigen deutlich mehr Silber als herkömmliche Paneele als Leitmaterial für elektrische Kontakte.
Demokratie und Saisonalität
Doch wie stellten sich die Menschen eine Welt jenseits des kapitalistischen Wachstumszwangs vor? Dazu hatten Räthzel und ihr Team mehrere Workshops in verschiedenen europäischen Ländern mit Beschäftigten organisiert. „Wir wollen mehr Demokratie sehen, die auf lokaler und regionaler Ebene stattfindet – etwa in Form von Bürgerversammlungen“, lautete eine Vision. So könne beispielsweise das Budget der lokalen Behörden durch die Menschen vor Ort festgelegt werden. Andere betonten regionale Produktion und die Einführung einer Kreislaufwirtschaft. „Es braucht lokale Industrie und Produktion, saisonalen Konsum und die Abkehr von fossilen Brennstoffen“, lautete eine Botschaft, die sich gegen globalisierte Lieferketten und die Öllobby stellte.
„Kapitalismus muss sterben“
Stattdessen müsse weniger konsumiert, aber mehr recycelt werden. Ziel sei also eine Kreislaufwirtschaft, in der so wenig Rohstoffe wie möglich verschwendet würden. Oder, wie es die Professorin knapp formulierte: „Der Kapitalismus muss sterben.“ Allen Befragungen nach einer Welt, in der die Menschen gerne leben würden, sei der Wunsch nach einer Degrowth-Gesellschaft gemein gewesen.
Weiterführende Links:
- RLS (1.12.2025): Politik der sozial-ökologischen Transformation – https://www.youtube.com/watch?v=vhKmYWiYKM0
- Die Linke SC-RH (1.10.2025): Mit Degrowth-Plan gegen Kapitalismus – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/global/mit-degrowth-plan-gegen-kapitalismus/
- Solarify (21.11.2025): Silber wird knapp – https://www.solarify.eu/2025/11/21/silber-wird-knapp-wir-brauchen-mehr-silber-und-kreislaufdenken/














