Die Kritik der Sauer’schen „Klasse“

11. Februar 2026  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband


Laut Hanno Sauer streben alle Menschen nach immer höheren Statussymbolen – hier ein Mercedes Benz der G-Klasse. Im März 2018 wurde der G 63 präsentiert, der mit 430 kW (585 PS) 10 kW (14 PS) mehr leistet als das Vorgängermodell. Auf 100 km/h soll der Geländewagen in 4,5 Sekunden beschleunigen. (Versysmedia, CC BY-SA 4.0).

Dass Hanno Sauer ein Buch mit dem Titel „Klasse“ ohne die Ausbeutung der Arbeiter*innen und Kapitalist*innen, die sich an ihnen bereichern, schreibt, ist für Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen unverständlich. In „Wohlstand für Alle“ sprachen sie über die Neuerscheinung des Philosophen.

Klassenbewusste Handtasche?

„Das Konsumverhalten sagt nichts darüber aus, ob jemand seine Arbeitskraft verkaufen muss, um leben zu können – oder ob man Kapital hat, mit dem man Arbeitskräfte für sich arbeiten lässt“, mahnte Wolfgang M. Schmitt an. Doch genau das mache Sauer in seinem Buch. So definiere er eine Klasse, die sich keine Designer-Handtaschen von Louis Vuitton kaufen könne sowie eine weitere, die das kann und auch tut. Eine dritte Klasse hätte ebenfalls das Geld dafür, kaufe sich das Mode-Accessoire jedoch nicht, während eine vierte Gruppierung gleich mehrere Exemplare im Schrank liegen hätte – diese ihr aber eigentlich gar nicht so wichtig seien.

Klasse, Race, Geschlecht

In dieser Kategorisierung sei Klasse ein viel wichtigerer Faktor als ethnische Herkunft oder Geschlecht. So könne dem Philosophen zufolge eine bestens ausgebildete Person mit dem richtigen Habitus, Kleidungsstil und Akzent – aber dunkler Hautfarbe – ohne weiteres zur geschäftlichen Elite gehören. Eine arme, arbeitslose und kulturell ungebildete Person verbliebe hingegen auch dann in der Unterschicht, wenn sie weiß und männlich sei. Und vermischt in seiner Argumentation daraufhin Klasse und Schicht. So sei die Unterschicht laut Sauer abgehängt, ökonomisch prekär und kulturell verarmt – könne also kaum am sozialem Statuswettbewerb teilhaben.

Schicht und Status

„Jeder Mensch strebt nach immer höheren Statussymbolen, um besser als die anderen zu sein“, skizzierte Schmitt die Sauer’sche Triebfeder jeglichen Handelns. Die Mittelschicht sei ökonomisch einigermaßen abgesichert – jedoch kulturell ungebildet. „Sie will sich angeblich durch möglichst kostspielige Signale von der Unterschicht abgrenzen und in höhere Kreise aufgenommen werden“, stellte er die Theorie weiter vor. Eine obere Mittelschicht sei ökonomisch komfortabel ausgestattet und kulturell versiert. „Sauer erklärt nicht, wie die Gruppen zu ihrer finanziellen Situation gekommen sind – ob durch das Erben von Immobilien oder hochbezahlte Lohnarbeit“, kritisierte der Youtuber. Die Oberschicht sei kulturell dominant und sende soziale Signale aus, die nur von zugehörigen Mitgliedern erkannt würden.

Ausbeutung irrelevant

„Die Perspektive der Arbeiter*innen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um ihren Chef reicher zu machen, kommt quasi gar nicht vor“, kritisierte Ole Nymoen. Denn für Karl Marx sei die Ausbeutung der Arbeiter*innen sowie die Verfügbarkeit über die Produktionsmittel entscheidend für die Entstehung der Klassengesellschaft gewesen. Zwar komme das Verfügen über Geld auch bei Sauer vor, mische sich jedoch mit habituellem Verhalten. „Es fehlt, dass Lohnabhängige immer seltener tarifgebunden angestellt sind“, blickte der Journalist auf ein fehlendes Element in der Darstellung. Der Niedriglohnsektor werde bei Sauer ebenso wenig erwähnt wie der Mindestlohn oder der fehlende Mietendeckel.

Sozialismus der Familie?

Von staatlichen Umverteilungsmaßnahmen verspricht sich der Autor keinen großen Erfolg. Statt für die Einführung einer echten Erbschaftssteuer setze Sauer darauf, auf zusätzliche Diskriminierungsformen zu verzichten und klassistisches Sprechen oder Handeln zu ächten. „Die Ausbeutung des Armen durch den Reichen wird dadurch beibehalten“, erläuterte Nymoen. Der marxsche Klassenkampf-Begriff, der gerade das abschaffen will, finde bei Sauer hingegen keine Beachtung. Allerdings gäbe er selbst zu, dass Familie, Freundeskreis und Vereinswesen – also Lebensbereiche, die für viele Menschen wichtig seien – eher „sozialistisch“ organisiert seien. „Sie kommen ohne Statussymbole aus und hier zählt Zusammenhalt und Kooperation statt gegenseitige Konkurrenz“, gab Nymoen die Erkenntnisse des Philosophen wider.

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