
Warum liberale Demokratien auf Polarisierung angewiesen sind und wie dieser Umstand von rechten Parteien genutzt wird, darüber sprach Nils Kumkar bei der Buchvorstellung von „Polarisierung. Über die Ordnung der Politik“ im Rahmen der Reihe „linksbündig“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Ein Kommunikationsproblem
„Die Gesellschaft ist gar nicht so gespalten, wie es Menschen im Umfragen vermuten“, erklärte Nils Kumkar. Vielmehr stelle sich „Polarisierung“ oftmals als bloßes Kommunikationsproblem heraus. „Eine untersuchte Gruppe sprach von Polarisierung, wenn man nicht mehr miteinander sprach“, erläuterte der Soziologe. Denn in einer funktionierenden Gesellschaft sollte alles ausdiskutiert und alle Stimmen zu Wort kommen. Eine andere Gruppe wollte hingegen, dass existierende Probleme von Fachleuten gelöst würden – ohne „endlose Debatten“. So stelle sich die sogenannte „Polarisierung der Gesellschaft“ lediglich als unterschiedliche Problemlöse-Strategien heraus.
Dynamik der sozialen Medien
Eine Diskussion auf X zur Ukraine führte dazu, dass die eine Position als „Putinversteher“, die andere Seite als „Kriegstreiber“ gelabelt wurde. Die Akteur*innen nahmen die bestehenden Gegensätze als ungemein radikal wahr, was wiederum eine noch extremere Haltung der eigenen Seite zur Folge hatte. „So denken alle Beteiligten, sie wären ihrerseits von latenten Extremist*innen umgeben, während sie die einzige Vernunftsposition der Mitte verträten“, fasste Kumkar die Dynamik pointiert zusammen.
Nichts Neues
Friedrich Merz hielt 2023 beim Politischen Frühschoppen am Fest der Hallertau im niederbayerischen Abensberg, dem „Gillamoos“, eine Rede, in der er sagte: „Nicht Kreuzberg ist Deutschland, Gillamoos ist Deutschland.“ „Solche politischen Zuspitzungen sind nicht neu“, stellte der mit Blick auf die jüngere deutsche Geschichte fest. Schon 1953 hätten CDU/CSU beim Bundeswahlkampf plakatiert: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“. Das unterstellte, die dezidiert antikommunistisch ausgerichtete SPD wäre aus der Sowjetunion heraus gesteuert worden und wollte die Bundesrepublik in einen stalinistischen Staat umwandeln.
Politische Teilhabe
Solche politischen Polarisierungen seien vor allem bei der Wiederbewaffnungs-Debatte 1955 sowie Brandts Ostverträgen 1963-73 erkennbar gewesen – und gingen mit einer extrem hohen Wahlbeteiligung einher. „Wenn die Parteien ideologisch weit auseinanderliegen, motiviert das die Menschen, zur Wahl zu gehen“, schlussfolgerte Kumkar. Denn in einer Zwei-Lager-Diskussion eine Meinung zu haben, führe bei den Beteiligten zu Partizipation, da sie sich in den politischen Prozess eingebunden fühlten. „Die liberale Demokratie ist somit auf solche Grundsatzkonflikte angewiesen“, bilanzierte er.
Unterhaltung zieht
Der rechtslibertäre Murray Rothbard schrieb Anfang der 1990er Jahre, man müsse sich als unbedingte Gegnerschaft zu den Regierenden inszenieren und der Bevölkerung sagen, dass sie von diesen zu Unrecht regiert werde. Gleichzeitig stelle man unerfüllbare Maximalforderungen, flankiert von Übergangsforderungen, die der konservativen Agenda entsprächen. „Dann wird man von den Leuten gewählt – denn das unterhält sie“, lautete das Fazit, das heute als Blaupause für FPÖ, Trump oder AfD gelten könne.
Große Unzufriedenheit
Als Gegenentwurf zu allen bisherigen regierenden Parteien gründete sich die „Alternative für Deutschland“ und schaffte es, die anderen Gruppierungen vor sich herzutreiben. „Die Leute, die AfD wählen, sind überdurchschnittlich unzufrieden mit dem System, weil sie sich von den bestehenden Zumutungen gekränkt fühlen“, sagte er. Das treffe auch auf wesentliche Teile der Mittelschicht zu. Bei Nachwahlbefragungen in Brandenburg gaben 50 Prozent der AfD-Wähler*innen an, ihre Entscheidung aufgrund der Enttäuschung von anderen Parteien getroffen zu haben. „Allerdings beschränkt sich das Repertoire der AfD nur auf die Kritik am Regiertwerden“, gab Kumkar zu bedenken. Im wirklichen Leben hätten die Menschen jedoch ganz andere Probleme.
Weiterführende Links:
- RLS (19.8.2025): Polarisierung. Über die Ordnung der Politik mit Nils C. Kumkar – https://www.youtube.com/watch?v=AdbkbmEj0es
- Die Linke SC-RH (6.8.2023): Ideologie der Neuen Rechten – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/ideologie-der-neuen-rechten/
- Die Linke SC-RH (8.12.2022): Kulturkampf von Rechts – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/kulturkampf-von-rechts/














