Eliten machen Politik für Reiche

17. September 2025  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Der Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Von den 630 Abgeordneten bezeichnen sich 164 als Berufspolitiker*innen, weitere 100 sind Jurist*innen. Es gibt lediglich zwei Metzger*innen, zwei Dachdecker*innen und ein*e Stahlbauschlosser*in. (Wikimedia: Times, CC BY-SA 3.0)

Deutschland ist eines der ungleichsten Ländern der Welt, da eine reiche Elite Politik für Reiche macht. Mit diesem Sachverhalt beschäftigte sich Deutschlandfunk Kultur in „Ungleichheit. Die deutsche Elite bleibt unter sich“.

„Ungleichste Demokratie der Welt“

In Deutschland ist das private Vermögen äußerst ungleich verteilt. Zwar werden die Deutschen unterm Strich reicher. Doch die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen jenen mit viel Vermögen und jenen mit wenig, geht immer weiter auseinander. Laut dem Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) vereint das reichste Prozent der Bevölkerung rund 35 Prozent des Vermögens auf sich. Deutschland sei „eine der ungleichsten Demokratien in der ganzen Welt“, sagt Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas und warnt vor einem neuen „Geldfeudalismus“, weil es zunehmend darauf ankomme, in welche Familie man hineingeboren werde.

Reiche profitieren von Steuerpolitik

Sie fordert, die Politik müsse der Ungleichheit im Land durch eine „gerechte Besteuerung“ großer Erbschaften und Vermögen entgegenwirken. Allerdings: Gerade diejenigen, die an den entscheidenden Positionen im Land sitzen, haben als Besserverdienende in den vergangenen Jahren von den meisten politischen Beschlüssen in der Steuerpolitik – und damit von der auseinander klaffenden sozialen Schere – profitiert.

4.000 Menschen bestimmen

In der Wissenschaft meint der Begriff „Elite“ Menschen, deren Entscheidungen maßgeblich gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen. Sie verabschieden als Spitzenpolitiker*innen Gesetze, entscheiden darüber, in welche Bereiche Geld fließt, fällen als Bundesrichter*innen weitreichende Gerichtsurteile und sitzen in den Chefsesseln großer Unternehmen. Der Elitenforscher und emeritierte Professor für Soziologie Michael Hartmann schätzt, dass in Deutschland etwa 4.000 Menschen zur Elite gehören.

Elite aus reichem Haus

Wer an Deutschlands Spitze steht, kommt überwiegend aus derselben sozialen Gruppe. Eliten sind meist aus reichem Haus, gut ausgebildet – und vor allem bestens vernetzt. Hartmann fasst es in einer 2025 erschienenen Studie mit dem Satz „Herkunft schlägt Leistung“ zusammen. Das gelte vor allem für die Wirtschaftselite, aber zunehmend auch für die Politik. die Trennung etwa zwischen Politik und Wirtschaft verwischt. Hartmann nennt als Beispiel ehemalige Spitzenmanager im Kabinett von Bundeskanzler Friedrich Merz.

Arbeiter*innenkinder fördern

Die Folge dieser Entwicklungen: Auch die politische Elite wird zunehmend zur geschlossenen Gesellschaft. Ihre Lebensrealität und die der breiten Bevölkerung driften auseinander. Wenn allerdings die Spitzenpositionen des Landes überwiegend mit Menschen besetzt sind, die dieselbe soziale Herkunft teilen, fehle es an verschiedenen Perspektiven, sagt Hartmann. Selbst mit hohem Abschluss bleibt vielen Arbeiter*innenkindern der Zugang zur Elite verwehrt. Um dem entgegenzuwirken, schlägt Hartmann eine Quote für Arbeiter*innenkinder vor, ganz nach dem Beispiel der Frauenquote. Er ist überzeugt: Eine solche Quote würde „relativ schnell“ für mehr Diversität im deutschen Spitzenpersonal sorgen. Und das wiederum zu differenzierteren Einstellungen hinsichtlich gesellschaftlicher Fragen.

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