
Digitale Plattformen vermitteln Billig-Arbeitskräfte für Pflege oder Reinigung zu Dumping-Preisen. In Familien, wo selbst das zu teuer ist, verrichten Frauen unentgeltlich die Arbeit als Doppelbelastung. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung blickt auf die Krise der sozialen Reproduktion.
Billige Erneuerung
„Die Krise der sozialen Reproduktion ist die logische Folge der kapitalistischen Verwertung“, erklärte Alex Wischnewski. Denn diese Produktionsweise sei darauf ausgerichtet, dass Arbeitskraft immer wieder reproduziert werde – die Beschäftigten also jeden Tag erneut fit auf der Arbeit erschienen. Das umfasse demzufolge Geburt, Erziehung, Versorgung oder Pflege. „Gleichzeitig werden diese Aufgaben abgewertet, um ihre Kosten möglichst gering zu halten“, führte die FLINTA-Redakteurin der Zeitschrift LuXemburg weiter aus. Das führe schlussendlich jedoch dazu, dass auch die gesamtgesellschaftliche Reproduktion nicht mehr abgesichert sei.
„Wirtschaftlichkeit“ in der Pflege
„Sorge-Arbeit wird durch Kostenauslagerung neu organisiert und die Belastungen sehr ungleich verteilt“, hielt sie fest. Das sei innerhalb bestimmter Klassen vor allem mit Blick auf Geschlecht und rassifizierte Zuschreibungen sichtbar. Seit den 1990er-Jahren wurde wohlfahrtsstaatlich organisierte Sorge-Arbeit privatisiert, in Krankenhäusern und Pflegeheimen setzte man auf „Wirtschaftlichkeit“. „Dabei wären ,Beziehung’ und ,Zeit’ viel gravierendere Kategorien“, mahnte Wischnewski. Weniger Personal bedeute einen höheren Zeitdruck, was auch zu schlechterer Qualität führe. „Davon sind zum Großteil die weiblichen Beschäftigten in dem Sektor betroffen“, sprach sie das Geschlechterverhältnis an.
Prekäre Arbeiten
Mittlerweile vermittelten digitale Plattformen Dienstleistungen wie Reinigung, Essenslieferung oder Babysitting. Die „erschwinglichen“ Preise, die dort geboten würden, fußten jedoch auf prekären Arbeitsbedingungen. Im Bereich der Sorge-Arbeit sind vor allem Migrant*innen beschäftigt – und dort, wo das finanziell nicht möglich ist, wird die Sorge-Arbeit in privaten Haushalten unentgeltlich von Frauen übernommen. „Obwohl die Erwerbstätigkeit von Frauen stark zugenommen hat, bleibt diese geschlechtliche Arbeitsteilung größtenteils bestehen“, hielt Wischnewski fest. Das bedeute eine enorme Doppelbelastung für die Frauen.
Unsicherheit in der Bevölkerung
Mit dem Ende des deutschen Exportmodells, das die bisherigen Profite sicherte, komme es nun zu immer mehr Angriffen auf Sozialstaat, Arbeitsrechte und Gewerkschaften. Auch die Arbeiter*innen selbst hätten so das Gefühl, die Reproduktion in Form von Versorgung, Gesundheit oder langfristiger Lebensplanung nicht mehr sichern zu können. „Die Krise der Reproduktion betrifft also immer breitere Teile der Bevölkerung“, sprach sie die Ausmaße an. Dadurch sähen sich viele Haushalte in der Zwangslage, auf die prekären Dienstleistungen der Digital-Plattformen zurückzugreifen. Nur so könnten sie den Alltag überhaupt noch bewältigen.
Neue Machtblöcke
„Die Globalisierung strukturiert sich neu“, beschrieb Christoph Spehr die gegenwärtige Situation. Es bildeten sich Teilsysteme um China und die USA – mit eigenen Lieferketten, digitalen Plattformen und KI. „Das führt aber auch zu Unsicherheiten und Konflikten“, sprach er die Folgen der Fragmentierung des Weltmarkts an. Die Frage sei, ob Europa darin ein eigenes Subzentrum bilden könne und welche Position die Schwellenländer einnähmen. Zahlreiche Staaten wollten sich nicht einem der beiden Blöcke zuordnen – ein Potenzial für eine neue Blockfreien-Bewegung?
Digitale Monopol-Konzerne
Aktuell komme dem Staat wieder eine starke wirtschaftspolitische Rolle zu – er nehme Schulden auf und investiere. Schließlich habe sich die neoliberale Marktförmigkeit als kein stabiles System erwiesen. Denn in einer globalen Ökonomie könnten Staaten nur dann erfolgreich sein, wenn sie Souveränität an die höheren Ebenen abgeben. „Heute gibt es einige wenige Großkonzerne, die im digitalen Bereich Monopolstellung haben – etwa bei Infrastruktur oder Plattformen“, erläuterte der Vorsitzende der Linken in Bremen. Oft sei es so, dass der Produktivitätsgewinn, der durch Digitalisierung in Firmen entstehe, in Form von Lizenzgebühren in die Taschen der Digitalkonzerne fließe, gab er zu bedenken. „Das ist ein Wachstums- und Innovationshemmnis“, stellte Spehr klar.
Weiterführende Links:
- RLS (12.5.2026): Ein neues Grundsatzprogramm für Die Linke – https://www.youtube.com/watch?v=T5rgmVc8A_k
- Die Linke SC-RH (23.4.2026): Ist Armut weiblich? – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/ist-armut-weiblich/
- Die Linke SC-RH (13.12.2025): Young Carer. Kinder pflegen Angehörige – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/young-carer-kinder-pflegen-angehoerige/














