Eva von Redecker: Gegen den Faschismus

13. Mai 2026  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Nachdem Beamte der US-Einwanderungsbehörde ICE Renee Good am 7. Januar 2026 in Minneapolis/Minnesota erschossen hatten, nahmen Bundesbeamte am 12. Januar einen latinostämmigen US-Bürger fest. (Chad Davis, CC BY 4.0)

Der ständige Ausnahmezustand, der die Macht weniger und Gewalt gegen fast alle rechtfertigt, ist das Merkmal des neuen Faschismus. Bei „Jung und naiv“ sprach die Philosophin Eva von Redecker darüber, was man dieser „neuen Härte“ entgegensetzen könne – einen öffentlichen Luxus, der in Care-Arbeit, Gesundheit, ÖPNV und Umweltschutz investiert.

Ausnahmezustand für immer

„Wer plündert, wird erschossen“, bringt Eva von Redecker die genuine Erzählung des Faschismus auf den Punkt. Mit solchen Botschaften könne man nämlich einen permanenten Ausnahmezustand im Inneren erzeugen. Trump spreche beispielsweise von „gestohlenen Wahlen“ und habe deshalb vor, bei den nächsten Abstimmungen möglicherweise die elektrischen Auslesegeräte – und somit die Ergebnisse – zu kontrollieren. „Im ,Großen Austausch‘ wird behauptet, muslimische Migranten würden von Feminist*innen ins Land geholt, um es den angestammten Deutschen wegzunehmen“, nannte die Philosophin eine zweite Erzählung in den Ausnahmezustand. Damit wollten die Rechten die massenhafte Deportationen von Ausländer*innen rechtfertigen. Im Faschismus könne eine kleine Gruppe – seien es die „weißen Männer“ oder das ethnonationale Volk – schrankenlos ihrer Willkür freien Lauf lassen, gab sie zu bedenken.

Feindbild Frau

Wenn Frauen sich nicht mehr patriarchalen Strukturen unterordnen, sondern sich in einer Beziehung selbstbestimmt trennen wollen, können sie blitzschnell vom „zu schützenden Besitz“ zum „Plünderer der Beziehung“ werden – was in diesem Denken Gewalt gegen sie rechtfertigt und sich in einer hohen Zahl an Femiziden widerspiegele, thematisierte sie männliche Gewalt. Eine AfD-Vorsitzende Alice Weidel könne in solch einem Umfeld mit dem scheinbar progressiven Verweis auf „Frauenrechte“ behaupten, sie als Frau könne auf einer Straße mit so vielen Migranten gar nicht sicher unterwegs sein – ohne jedoch die sexualisierte Gewalt deutscher Männer anzusprechen. „Um sich als mächtig zu inszenieren, braucht man in Männerbünden den Zugriff auf Frauenkörper – wie die Epstein-Akten zeigen“, blickte Redecker auf internationale Verbindungen.

Gegen Tech-Konzerne

Wirtschaft und Aktienmärkte richten sich immer mehr nach KI aus. „Künstliche Sprachmodelle greifen auf die digitalisierten Erkenntnisse der gesamten Menschheit zurück – sind aber im Besitz von einzelnen Privatpersonen“, kritisierte sie. Eigentlich gehörten sie sozialisiert und als ganz viele segmentbezogene kleine Modelle organisiert, zeigte sie Alternativ-Möglichkeiten auf. „Allerdings ist das Eigentum an Produktionsmitteln der Kern der kapitalistischen Wirtschaft“, schränkte Redecker mit Blick auf die vorherrschende Ideologie ein. Dabei hätte ein europäisches Konzept, dass auf Transparenz, klare rechtliche Rahmenbedingungen und energiesparende Ressourcennutzung setze, durchaus Chancen, sich in bestimmten Bereichen zu spezialisieren, zum Beispiel bei der Tumor-Erkennung.

Umverteilung gegen Faschismus

„Die irrwitzige soziale Ungleichheit, die aktuell vorherrscht, ist eine der Voraussetzungen für die Faschisierung“, stellte sie klar. Dabei könnte man dem leicht mit einer Vermögens- und Erbschaftssteuer begegnen, ohne die Eigentumsverhältnisse grundsätzlich in Frage zu stellen. Allerdings werde nicht einmal dies gemacht. „Bundeskanzler Friedrich Merz ist Millionär, da ist schon klar, warum er kein Interesse an einer gesellschaftlichen Umverteilung hat“, ordnete sie ein. Andererseits sei ein „Weiter so“ schlichtweg die Vorbereitung des Faschismus, der offen sage, dass dann einige Gruppierungen unter die Räder kommen würden. „Staatshandeln wird im heutigen System auf bloße Abschottung an den Grenzen reduziert, nicht auf einen starken Staat, der durch innere Umverteilung für gleiche Chancen für alle sorgt“, zeigte Redecker Möglichkeiten auf.

Hilfe für den Planeten

Eine antifaschistische Zukunft könne keinen liberalen Freiheitsbegriff haben, da dieser den Besitz der Produktionsmittel und die daraus folgende soziale Ungleichheit in der Gesellschaft festschreibe. So werde die aktuelle Nutzung von Öl und Gas auch weit in der Zukunft massive Zerstörungen verursachen, warnte sie. Statt fossiler Produktionssteigerung müsste jedoch ökologische Regeneration und Sorgearbeit an der Natur im Zentrum stehen. „Menschen sollten befreit werden, um die Welt wieder reparieren zu können“, trat Redecker für den Schutz der planetaren Ökosystem ein. Gleichzeitig müsse man sich kompromisslos vor die Menschen stellen, die ins Schussfeld der Faschist*innen gerieten.

Öffentlicher Luxus

„Der Umgang mit der ökologischen Katastrophe und viele Aspekte der Care-Arbeit sind nicht durch technologischen Fortschritt rationalisierbar und durch Maschinen zu erledigen“, widersprach sie technologieaffinem marxistischem Wunschdenken. Was es brauche, sei ein Gesundheitssystem ohne Zwei-Klassen-Medizin, wo die Ärzt*innen genügend Zeit für die Menschen haben und alle gleich und anständig behandelt würden. „So etwas schafft Sicherheit und ist damit antifaschistisch“, sprach sie einen Baustein gegen den permanenten Ausnahmezustand an. Solche gesellschaftlichen Erfahrung bräuchte es in vielen Lebensbereichen – etwa beim kostenlosen ÖPNV. „Dieser ,öffentliche Luxus’ soll deutlich signalisieren: Es ist genug für alle da“, erklärte Redecker.

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