Ibrahim Arslan: Die Möllner Briefe

02. Januar 2026  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Grafik: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Ausländerfeindliche Pogrome, eine rassistisch handelnde Stadtverwaltung und das Verstummen der Betroffenen. Ibrahim Arslan, Überlebender des Brandanschlags von Mölln 1992, sprach im Manypod, dem migrationspolitischen Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung über Erinnern und Sprechen.

Verhinderte Solidarität

2019 habe er der damaligen Studentin Nora Zirkelbach bei ihrer Masterarbeit geholfen, erinnerte sich Ibrahim Arslan. Dazu sei sie auch ins Stadtarchiv von Mölln gegangen. „Sie stieß auf tausende von Briefen, die mitunter noch in der Nacht des Brandanschlags aus der gesamten Bundesrepublik an uns geschrieben wurden“, schilderte er die Entdeckung. Menschen, darunter auch Schulkinder, hätten ihre Hilfe für die Familien angeboten, manche sogar auch Geld geschickt. „Die Briefe wurden geöffnet, aber nie an uns weitergegeben“, kam er auf die Rolle der Stadtverwaltung zu sprechen. Von dem Geld fehle bis jetzt – 27 Jahre danach – immer noch jede Spur.

Film „Die Möllner Briefe“

Eine Therapieeinrichtung hatte angeboten, die Kinder, die Opfer des rassistischen Brandanschlags wurden, für eine Woche kostenlos auf ihrem Ponyhof aufzunehmen. „Der damalige Bürgermeister antwortete ihnen, dass die Familien kein Interesse an dem Angebot hätten“, beschrieb Arslan das Verhalten der Stadt. „Dabei hätte ich als Siebenjähriger diese Möglichkeit so sehr gebraucht.“ Gleichzeitig sei die Solidarität, die in den Briefen sichtbar werde, nicht nur auf die Betroffenen von Mölln begrenzt. Sie gelte auch den Angehörigen von Solingen, Hanau und Halle sowie den Opfern des NSU, ist sich der politische Bildungsreferent sicher. Der Film „Die Möllner Briefe“ sei mittlerweile in über 100 Kinos angelaufen und habe innerhalb eines Monats über 10.000 Zuschauer*innen erreicht.

Betroffene wollen sprechen

Mit seiner Arbeit wolle er die Perspektive der Betroffenen zeigen, die in der Gesellschaft jedoch nicht als Expert*innen, sondern als zu ignorierende Radnotiz wahrgenommen würden. „Ich will deutlich machen, dass sie handlungsfähige Subjekte sind“, sagte er und erinnerte an eine Veranstaltung in der Kölner Keupstraße anlässlich des Nagelbomben-Anschlags des NSU. Dort habe er mit Betroffenen ins Gespräch kommen und sie zum Reden bewegen können. Denn nach der Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 habe er Briefe an die Familien der Ermordeten geschrieben.

Angehörige zum Schweigen bringen

„Die Menschen sprechen nicht, weil ihnen nicht zugehört wird“, erklärte er. Sie würden von der Mehrheitsgesellschaft ignoriert und von Polizeigewalt, V-Leuten und der Presse, die von angeblichen „Döner-Morden“ schrieb, zum Schweigen gebracht. „Das ist ein zweiter – gesellschaftlicher – Anschlag nach dem zuerst erfolgten Attentat“, fasste Arslan den Sachverhalt zusammen. Die Polizei-Ermittlungen gegen Familienangehörige der Ermordeten waren geprägt von Rassismus, der NSU hochgradig vernetzt und dank V-Männern des Verfassungsschutzes auch mit Steuergeldern ausgestattet.

Die „Möllner Rede im Exil“

1994 wollte die Stadtverwaltung Mölln ihr Image nach den rassistischen Anschlägen mit einer Gedenkveranstaltung aufbessern – um die Überlebenden des Feuers ging es dabei nicht. Bei späteren Veranstaltungen wurden die Betroffenen gar nicht erst eingeladen. Erst zum 20. Jahrestag kam es zu einer gemeinsam geplanten Kundgebung von Stadt und Angehörigen. „2012 luden wir Beate Klarsfeld als Rednerin ein“, blickte Arslan zurück. Diese hatte 1966 Bundeskanzler Kiesinger (CDU) geohrfeigt und zahlreiche NS-Täter aufgespürt. Im Folgejahr strich die Stadtverwaltung die „Möllner Rede“, da sie zu politisch gewesen sei. So entstand die „Möllner Rede im Exil“, die von den Angehörigen in verschiedenen Städten gehalten wurde – 2025 fand sie in München statt.

Weiterführende Links:

« zurück