Im Netz der Tech-Giganten

16. Mai 2026  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Das Rechenzentrum im CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung, ist eine staatliche Institution. Doch die meisten Zentren sind in der Hand privater US-Konzerne. (Florian Hirzinger, CC BY-SA 3.0)

Wie will der Cyber-Libertarismus der großen Tech-Konzerne die Gesellschaft verändern und was sollte man aus emanzipatorischer Sicht dagegen tun? Im Dissens-Podcast sprach Aya Jaff über „Broligarchie. Was gegen die Herrschaft der Tech-Milliardäre hilft“.

Produkte ohne Relevanz

„Stromnetze und Straßen sind öffentliche Aufgaben“, sagte Aya Jaff. Und forderte: „Digitale Infrastruktur wie Rechenzentren und Clouds müssten das genauso sein.“ Die jetzige Tech-Kritikerin hatte ihr erstes Start-up-Projekt zu Digital Health entwickelt: Kund*innen sollten ihre eigenen Schilddrüsenwerte täglich selbst per App messen können. „Fachärzt*innen erklärten mir, dass tägliche Messungen aus medizinischer Sicht gar keinen Sinn ergeben“, gestand sie. Doch potenzielle Käufer*innen seien begeistert gewesen und auch die Investor*innen drängten auf die Entwicklung des medizinisch sinnlosen Projekts. „Alle Konsument*innen hätten ihre persönliche Gesundheitsdaten dadurch an ein privates Unternehmen weitergeleitet“, kam die Gründerin auf die Hintergründe zu sprechen. Doch sie entschied sich dagegen. „Hätte ich es gemacht, wäre das Produkt über die Krankenkassen massiv vom Staat subventioniert worden – und ich wäre Millionärin“, schloss sie.

Keine demokratische Kontrolle

Viele in der Start-up-Branche bezeichneten sich selbst als Libertäre. Diese Ideologie sieht den Staat als Bedrohung für individuelle Freiheiten. Denn freie Märkte könnten das gesellschaftliche Zusammenleben viel effizienter regeln. „Der Cyber-Libertarismus zielt darauf ab, dass die Technik die bisherige Rolle des Staates ersetzt – auch in Bereichen wie Sicherheit und Teilhabe“, differenzierte Jaff. Der Gedanke: Wenn man nur genügend Geld in digitale Technik investiere, könne man alles erreichen. Denn Geld werde mittlerweile in Datenzentren und beim Trainieren von KI geschaffen. „Es ist nicht demokratisch kontrolliert, beeinflusst aber alle unsere Lebensbereiche“, gab sie zu bedenken.

Überreiche sind Meinungsmacher

So werde die Macht mehr und mehr zu privaten Plattformen verschoben. „Wir müssen aber vor allem über die Vermögenskonzentration sprechen“, stellte sie klar. Denn nur damit könnten Medienunternehmen wie Facebook, Instagram oder X aufgekauft und „unsere“ Meinung untermauert – oder untergraben – werden. Mark Zuckerberg, dem mit Meta neben Facebook und Instagram auch WhatsApp gehört, hat ein Vermögen von rund 216 Milliarden US-Dollar. Elon Musk, der den Kurznachrichtendienst X gekauft hat, verfügt über 849 Milliarden US-Dollar und gilt als der reichste Mensch der Welt. So mache Amazon, dass dem 240 Milliarden US-Dollar reichen Jeff Bezos gehört, seine größten Profite mit Web-Dienstleistungen, etwa dem Hosten von Netflix oder Airbnb – aber auch staatlichen Behörden, Polizei-Abteilungen und Militärinfrastruktur.

Staat subventioniert Big-Tech

Gut 90 Prozent der deutschen Behörden arbeiten mit Microsoft, Google hat bei der Suchfunktion eine absolute Monopolstellung. „Eigentlich bräuchte es in jeder einzelnen Gemeinde ein öffentliches Cloud-System für die Verwaltung und Bürger*innen“, attestierte Jaff. Doch stattdessen finde ein staatlich subventionierter Ausbau der Big-Tech-Infrastruktur – zum Beispiel mit dem neuen Microsoft-Datenzentrum in Nordrheinwestfalen – statt. „Wir brauchen eine demokratische digitale Infrastruktur, die unabhängig von privaten US-Konzernen ist“, forderte sie. Schließlich könne der Staat auch Projekte subventionieren, die in Richtung „Gemeinde-Eigentum“ gingen. Die Europäische Union versuche zwar, Big-Tech zu regulieren, baue aber eben keine eigene Infrastruktur auf, lautete ihre Kritik.

Kommunal und genossenschaftlich

Bausteine dafür könnten Plattform-Genossenschaften, kommunale Datenspeicher und Digital Commons sein – aber auch öffentliche KI-Modelle. Die bisherigen Entwicklungen der großen Privat-Konzerne basierten schlichtweg auf unfassbaren Mengen an Raubkopien. „Es braucht ein Recht auf algorithmische Transparenz und digitale Teilhabe ohne Überwachung“, formulierte Jaff weitere Forderungen. Der Chaos Computer Club oder Mastondon seien in dieser Hinsicht auf einem guten Weg, bilanzierte sie.

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