
Wie hängt die Radikalisierung von Jugendlichen mit männlicher Selbstinszenierung und sogenannten Männlichkeits-Coaches auf Tiktok zusammen und was kann man dem aus linker Perspektive entgegensetzen? Damit beschäftigte sich die Veranstaltung „Warum driften junge Männer nach rechts?“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Filterblasen auf Tiktok
„Die Folge von antifeministischen, maskulinen rechten Radikalisierungsprozessen können Suizide, Femizide oder Attentate sein“, äußerte sich Caspar Weimann zum Prozess gegen die „Letzte Verteidigungswelle“, bei dem ein zum Tatzeitpunkt gerade 13-Jähriger wegen der Bildung einer rechtsextremen terroristischen Vereinigung vor Gericht steht. Oft würden Jungen und junge Männer auf Tiktok in diese Gewaltideologie hineingeführt und befänden sich dort über lange Zeit hinweg in stark aufgeladenen Filterblasen.
Ästhetik der Radikalisierung
Als Mitglied des Online-Theaters Live arbeite er daran, solche Prozesse schon frühzeitig zu unterbrechen. „Das fängt schon bei Popkultur-Phänomenen an, etwa Videos zu Kraftsport“, nannte er ein niedrigschwelliges Beispiel. Schließlich sei es ein lukratives Geschäftsmodell, junge Männer in solch eine Einsamkeits- und Gewaltspirale hineinzuziehen, wies er auf finanzielle Profiteure hin. „Der Kulturkampf trägt große Teile dieser Prozesse“, erläuterte Weimann. Denn damit versuche man, rechte Ideologien an Kulturphänomene anzuknüpfen. Radikalisierung erfolge somit strategisch, aber auch ästhetisch.
Allein durchs Leben
„Social Media ist die größte theatrale Umgebung unserer Gegenwart“, betonte er. Dabei gehe es immer um bestimmte Rollen und Publikumswirksamkeit. Doch finde in den Online-Foren ein Wandel statt – und zwar weg vom Alpha-Anführer, der beruflichen Erfolg und die Aufmerksamkeit der Frauen hat, hin zum Sigma-Mann. Der sei beruflich und charakterlich so stark, dass er niemanden benötige, der mit ihm durchs Leben gehe und seinen Status erhält. „Das bedeutet aber auch eine starke Isolation“, gab Weimann zu bedenken. Der rechte Kulturkampf inszeniert sich also – da will das Kollektiv Online-Theater Live gegenhalten und Resilienzen schaffen.
Empathie statt Muskeln
Jugendliche suchten nach Orientierung und ihrer Rolle im Leben. „Auch wenn sie in diesem Entwicklungsprozess zu Tätern werden, braucht es Empathie für sie, um sie da herauslösen zu können“, erklärte er. Auf Tiktok werde oftmals auf die Figur des Coaches gesetzt, der seine Follower in aggressivem Tonfall zum Verzicht auf die eigenen Gefühle auffordert. „In unserem Projekt ,Myke’ haben wir die Ästhetik solcher Coaches kopiert, den Fokus aber nicht auf hart trainierten Muskelaufbau, sondern auf den Aufbau eines emphatischen Miteinanders gesetzt“, erläuterte Weimann. Fragen waren beispielsweise, wie man seinen Freunden zuhören und ihnen bei ihren persönlichen Problemen helfen könne. „Die Rückmeldungen waren sehr positiv“, schilderte er die Reaktionen der Jugendlichen.
Unsichere Männer
Im rechten Kulturkampf ziele Geschlecht stets auf eine klaren Rollenverteilung ab, betonte Ole Liebl. „Bei Fitness-Content geht es um Selbstdisziplin, die Ausschaltung von Emotionen und stark normierte Körper“, kam er auf propagierte Männlichkeitsideale zu sprechen. Dabei seien junge Männer vom sozioökonomischen Standpunkt aus oft von großer Unsicherheit geprägt. So würden Frauen in dem zunehmend angespannten Arbeitsmarkt als Konkurrentinnen wahrgenommen. „Dieses Gefühl der Ohnmacht kann von Akteuren mit wirtschaftlichen und politischen Interessen weiterentwickelt werden – bis es zu gezieltem Antifeminismus kommt“, zeigte er eine mögliche Entwicklung auf.
Frauen werden linker
Dass Frauen eher links und Männer vermehrt rechts wählten, sei jedoch kein Automatismus, schränkte der Influencer ein. So sei solch eine „politische Gender Gap“ in einigen europäischen Ländern gar nicht nachweisbar. „In Norwegen sind Frauen sogar tendenziell konservativer eingestellt als Männer“, gab er ein Gegenbeispiel. Und bis in die 1980er Jahre hinein hätten Männer auch progressiver abgestimmt als Frauen. Die in Deutschland sichtbare Differenzierung, nach der junge Frauen eher die Linke und junge Männer die AfD wählten, sei auch weniger auf einen Rechtsruck der Männer zurückzuführen. „Frauen werden politisch linker“, stellte Liebl klar. Die bestehenden Machtverhältnisse im Kapitalismus könne man nicht durch Kurzvideos im Internet umstürzen, gab er sich selbstkritisch. Aber: „Wir können ein politisches Vorfeld bespielen, auf dem sonst nur die Rechten aktiv wären.“
Weiterführende Links:
- RLS (7.3.2026): Warum driften junge Männer nach rechts? – https://www.youtube.com/watch?v=GLom9kTDHc4
- Die Linke SC-RH (6.11.2026): Toxische Männlichkeit bei Tiktok – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/toxische-maennlichkeit-bei-tiktok/
- Die Linke SC-RH (27.3.2024): Antifeminismus in der AfD – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/antifeminismus-in-der-afd/














