Kleinfamilie und Lohnarbeit

13. Oktober 2025  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

In einer Kleinfamilie führt die Kindererziehung parallel zur Lohnarbeit oft zu Überforderung. Deshalb könnten auch mehr Personen statt nur zwei Elternteile damit betraut werden. (Wikipedia: Countincr, CC BY-SA 3.0)

Die 8-Stunden-Lohnarbeit steht dem Wohl von Kleinkindern und deren Eltern diametral gegenüber, sagt Heide Lutosch. Sie empfiehlt mehr Zeit für Care-Arbeit und das Aufteilen der Betreuung – etwa auf vier Personen.

Die „Enttäuschungsmaschine“

„Die Kleinfamilie führt im Rahmen der Lohnarbeit zu Überlastung und psychischem Leid“, diagnostizierte Heide Lutosch – denn sie sei eine sehr zuverlässige „Enttäuschungsmaschine“. Fürsorge, Geborgenheit, Ruhe und Aufmerksamkeit seien kaum möglich, wenn eine Person 9 Stunden am Tag lohnarbeiten müsse und die andere dafür die ganze Zeit allein mit dem Säugling auf dem Arm zuhause säße. Denn in solch einer Konstellation kämen auch die notwendigen Bedürfnisse der Erwachsenen zu kurz.

Stress und Gewalt

„Bei solchen Zuständen schafft man es oft nicht einmal, ausreichend zu schlafen oder zu essen“, blickte die Mutter zurück. Diese emotionale Mangelsituation könne schnell zu grenzüberschreitenden Handlungen mit anschließenden Schuldgefühlen, Stress und Wut führen. Auch sei die Kleinfamilie den polizeilichen Statistiken zufolge auch ein Hort der Gewalt – so fänden die meisten Fälle von Gewalt und sexuellem Missbrauch gegenüber Frauen und Kindern im familiären Nahbereich statt.

Feste Bezugspersonen

Sorgearbeit sei in unserer Gesellschaft in keiner Weise bedürfnisorientiert – und erst recht nicht herrschaftsfrei organisiert. Das schlage sich auch in der Vergesellschaftungs- und Planungsdebatte nieder, die sich häufig auf die Produktion von Waren beschränke, Erziehung und Pflege jedoch kaum im Fokus habe. „Kinder brauchen einige feste Bezugspersonen, denen es selbst gut geht“, stellte die Autorin klar. Zu diesen entwickele sich dann eine dauerhafte, enge und körperlich nahe fürsorgliche Beziehung.

Mehr Zeit für Familie

Neben „satt – sauber – schlafen“ bedeute dies auch körperlicher Kontakt, doch sei das je nach Kleinkind stark individuell. „Das heißt auch, dass man Kleinkinder bei Betreuungsangeboten nicht einfach von ihren Bezugspersonen trennen und an fremde Leute übergeben kann“, erinnerte Lutosch. Kinder seien eben nicht „kollektivierbar“. In unserer jetzigen Lohnarbeit-Gesellschaft sei „Familie“ das Synonym für privatisierte Sorgearbeit. Wenn hingegen viel weniger gearbeitet und alle Grundbedürfnisse – also Essen, Gesundheit, Wohnen, Bildung, Mobilität und Erholung – erfüllt würden, verliere die Familie nach und nach ihre Funktion. Doch auch aktuell könnten Familien durch eine 4-Tages-Woche oder kostenlosen ÖPNV entlastet werden.

Unbezahlte Care-Arbeit

Doch wie könne Erziehung in einer befreiten Gesellschaft aussehen? „Heutzutage entfallen 56 Prozent aller geleisteten Arbeit auf unbezahlte Care-Arbeit“, rief sie in Erinnerung. Im ersten Lebensjahr brauche ein Neugeborenes 24 Stunden pro Tag eine feste Bezugsperson. Das bedeute 12 Stunden direkten Körperkontakt, in denen das Kind etwa auch gefüttert und gewickelt werden müsse und der Erwachsene in dieser Zeit keine andere Arbeit nebenher erledigen könne. „In 4 Stunden schläft das Baby so fest, dass auch andere Hausarbeiten gemacht werden können“, erläuterte Lutosch. Über 8 Stunden hinweg sei der Schlaf so fest, dass ihrerseits die Bezugsperson ausruhen könne – jedoch in Bereitschaft anwesend sein müsse.

Die 4er-Elternschaft

„Ich gehe pro Tag von 20 Arbeitsstunden aus“, erklärte sie. In einer 4er-Elternschaft könne also jede Person 5 Stunden pro Tag übernehmen – in einer 7-Tage-Woche also 35 Stunden. Zähle man dieses Erziehungspensum zu einer regulären 40-Stunden-Woche dazu, könne also jeder Erwachsene in dieser Zeit noch fünf Stunden einer anderen Tätigkeit nachgehen. Mit zunehmendem Alter des Kindes und Besuch von Kita oder Schule sinke die Zahl der Care-Arbeitsstunden. Doch gehe sie bis zum 12. Lebensjahr immer noch von 8 Stunden pro Tag aus.

Verantwortung verteilen

Doch wie sollte so eine 4er-Elternschaft gestaltet sein? „Die vier Erwachsenen sollten einander freundschaftlich zugetan sein und sich im Idealfall lange kennen“, rät Lutosch. Der Fokus müsse auf Stabilität und Unkompliziertheit liegen, weshalb romantische Beziehungen eher die Ausnahme als die Regel wären. Elternschaft wäre auch nicht mehr an die eigene Gebär- und Zeugungsfähigkeit geknüpft. Alle könnten in einer Zeitspanne, etwa von 17 bis 67 Jahren, eine Elternrolle übernehmen. „Weil die Verantwortung auf mehr Schultern verteilt wäre, gäbe es echte Vereinbarkeit“, folgert sie.

Weiterführende Links:

« zurück