Konterrevolution und Revolte

01. November 2025  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Grafik: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Mit Konsumangebot revolutionäres Klassenbewusstsein verhindern und mit polizeilicher Gewalt kritische Bewegungen unterdrücken – das sind zentrale Merkmale des Protofaschismus. Der Theorie-Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung widmete sich in einer aktuellen Folge dem Buch „Konterrevolution und Revolte“ von Herbert Marcuse.

Flucht vor den Nazis

Herbert Marcuse wurde 1898 in eine jüdische Familie in Berlin geboren. 1916 zog man ihn als Soldat ein, ein Jahr später trat er der SPD bei und war 1918 im Berliner Arbeiter- und Soldatenrat aktiv. Nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gab er sein Parteibuch zurück. 1928 studierte er in Freiburg Philosophie und floh 1933 über Genf nach New York, wo er am Institut für Sozialforschung tätig war.

Tote auf dem Campus

1956 erhielt Marcuse eine Professur für Philosophie und Politikwissenschaft. Der kalifornische Gouverneur Ronald Reagan forderte jedoch, dass der radikale Dozent entlassen werde. Dessen Buch „Konterrevolution und Revolte“ thematisierte die Militarisierung der Polizei und deren Einsätze in amerikanischen Universitäten, die auch zu Todesopfern unter den Studierenden führten. Diese Situation beschrieb der Wissenschaftler als Protofaschismus.

Ausbeutung in Fabrik und Büro

Dabei handele es sich jedoch um eine präventive Konterrevolution, die schon im Vornherein eine revolutionäre Bewegung – ausgehend von den Protesten der Jugendlichen, Schwarzen und Studierenden – verhindern soll. Der Kapitalismus, der auf Ausbeutung der lohnarbeitenden Menschen beruhe, habe sich auch auf die gut ausgebildeten Mittelschichtsamerikaner*innen im Dienstleistungsbereich – jenseits der Fabriken – ausgeweitet.

Die Wahl des Kühlschranks

Die Arbeiter*innenklasse wird über den Kauf von Konsumgütern in die bürgerliche Gesellschaft miteinbezogen – und kann somit zwischen verschiedenen Kühlschrank- oder Auto-Marken wählen. Das Warenangebot führt somit zu einer konformistischen Denkweise und ist somit auch Teil der Konterrevolution. Das Klassenbewusstsein der Menschen wird durch die Konsumgüter-Industrie verhindert.

Gewohnheiten hinterfragen

Marcuse kritisierte die Hippies, die durch ihren Wunsch nach individueller Emanzipation die gesellschaftliche Entwicklung aus den Augen verlören. Aber gleichzeitig entstünde im Kapitalismus, der ständig neue Bedürfnisse generiere, deren Erfüllung er aber nicht einlösen könne, selbst eine Dynamik des revolutionären Bedürfnisses. Dies zeige sich bei Jugendbewegungen auf der ganzen Welt in Form einer Kulturrevolution gegen das etablierte System – also das Infragestellen bisheriger Gewohnheiten.

Neue Wahrnehmung nötig

Das Brechen mit bisherigen Gewohnheiten betreffe neben dem traditionellen Geschlechterverhältnis auch die Ernährung und die Ausbeutung von Rohstoffen aus der Natur. Der Professor wandte sich vehement gegen von Männern ausgeübte Gewalt in der Sexualität und forderte stattdessen eine neue Sinnlichkeit bei der Wahrnehmung – sei es im zwischenmenschlichen Bereich oder in der Beziehung der Menschen zur Natur.

Die Schönheit der Revolution

Seiner Auffassung nach könne Kunst eine Distanz zur Welt herstellen und so eine ästhetisch-schöne Gestaltung ermöglichen. Aufgabe der Revolution sei es, diese Gestaltung in die Wirklichkeit zu bringen. Denn die sozialistische Gesellschaft sei mit Blick auf die Lebensverhältnisse und die Natur eine schöne Gesellschaft. Wenn auf verschwenderischen Konsum verzichtet würde, könne die Entfremdung der Arbeit abgeschafft und neu organisiert werden.

Weiterführende Links:

« zurück