Linksradikalismus: Die „Zone à défendre“

29. Oktober 2025  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Die Aktivist*innen errichten in den besetzten Zonen selbstgebaute Häuser (Wikimedia: Skrimsli Snjor, CC BY-SA 4.0).

Die große gesellschaftliche Unterstützung, die Besetzungen gegen Großbauprojekte in Frankreich haben und die Inspiration durch die mexikanischen Zapatistas waren Themen beim Dissens-Podcast. Kilian Jörg fragte dabei „was sich vom französischen Linksradikalismus lernen lässt?“

Flughafen oder Klima-Camp?

In Frankreich hat der Begriff der „Zone à défendre“ (ZAD) – der „zu verteidigenden Zone“ – eine lange Tradition. Denn in den1970ern plante die französische Regierung bei Nantes in der Bretagne einen neuen Flughafen – und schrieb dort eine „Zone d’aménagement différé“, eine Sonderverwaltungszone aus, um Enteignungen zu ermöglichen. Nach einer über 30 Jahre dauernden Planungsphase kam es 2008 zu einer ersten Besetzung durch ein Klima-Camp, an dem rund 500 Personen teilnahmen – unter dem Schlagwort der ZAD.

Omas gegen Ökozid

„Es hat sich mittlerweile zu einem revolutionären Konzept entwickelt“, blickte Kilian Jörg auf die mehr als 15 Jahre der Besetzung zurück. Alte Großmütter aus dem Nachbardorf und Punks aus den Stadtzentren würden das Gebiet gemeinsam gegen das ökozidale Großprojekt verteidigen. „Zusammen kann eine neue Gemeinschaft geschaffen werden, um auch in Zeiten des Klimakollaps zu überleben“, erläuterte der Aktivist.

Große ökologische Gemeinschaft

2010 kam es zu drei erfolglosen Räumungsversuchen seitens der Polizei – ihr standen auf der Fläche von 4.000 Fußballfeldern bis zu 30.000 Freiwillige gegenüber, die die ZAD unterstützten. Seither wird gemeinschaftlich Landwirtschaft betrieben und mit Gesellschaftsmodellen jenseits der Lohnarbeit experimentiert. „Eine große Inspiration sind die mexikanischen Zapatistas“, sprach Jörg die sozialrevolutionäre Bewegung im Bundesstaat Chiapas an. Denn man versuche, Mensch, Pflanzen und Tiere als Gesamtheit der Natur zu sehen. „Die ökologische Gesellschaft schließt auch Wälder und Sümpfe, Rehe und Salamander mit ein“, brachte er ein Beispiel.

Waldarbeit oder Flachbildfernseher?

Um Gebäude zu errichten, werden Bäume gefällt und aus dem Wald gezogen – mit Pferden. Aber auch „alte“ Handwerke wie das des Schmieds werden in der ZAD praktiziert, um das notwendige Werkzeug herzustellen. Doch sei es den Eltern auch wichtig, dass ihre Kinder in die staatliche Schule im Ort gingen. „Sie sollen auch Zeit bei Klassenkamerad*innen verbringen, die einen riesengroßen Flachbildfernseher besitzen und sich den ganzen Tag von Tiefkühl-Fertigprodukten ernähren“, veranschaulichte er die lebenspraktische Konfrontation mit der kapitalistischen Konsumwelt.

Die Besetzung legalisieren

Nachdem der Staat den Bau des Flughafens aufgegeben hatte, begannen zahlreiche Kollektive auf dem besetzten Territorium, über Pachtverträge für das Common-Gebiet zu verhandeln. Ziel war, ein Gemeinschaftsrecht für die Fläche, vergleichbar der deutschen Almende, zu erhalten. „Die ersten vier von 40 Kollektiven haben eine Duldung erreicht, da sie sich als Vereine deklariert haben“, nannte Jörg einen ersten Teilerfolg. Im Vergleich mit Deutschland – etwa dem Hambacher Forst oder dem Widerstand in Lützerath – sei die Szene in Frankreich viel größer. „Beim System-Chance-Treffen in Frankfurt waren 3.000 Personen“, erinnerte er sich. Ein Widerstands-Camp irgendwo auf dem Land in der Normandie würde hingegen 7.000 Teilnehmer*innen aus Frankreich mobilisieren.

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