Neoliberalismus und bürgerliche Kälte

02. September 2026  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Der weibliche Buckelwal „Timmy“ löste viele Emotionen aus. Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, nicht. (Wikimedia: Achimgroe, CC BY-SA 4.0)

Warum empfindet man Mitgefühl für einen gestrandeten Wal, aber nicht für im Mittelmeer ertrinkende Kinder oder von Armut betroffene Menschen? Nadja Meisterhans sprach bei Medico International über die gesellschaftlichen Folgen des Neoliberalismus.

Empathie für Wal oder Kind?

„Wie hängt selektive Empathie und Herrschaft zusammen?“, fragt Nadja Meisterhans. Menschen sorgen sich etwa über Wochen hinweg über einen Wal in der Ostsee – nicht aber für das ertrinkende Kind im Mittelmeer. So stehe der Wal „Timmy“ für eine Folge ideologischer Zuschreibung, findet die Professorin für Politische Philosophie. Empathie sei das Hineinversetzen in den Gegenüber, ohne die eigenen Anteile aufzuheben. Theodor W. Adorno spreche von anteilnehmender, affektiver Reflexion.

Neoliberales Unbehagen

Dabei gelte es, das „Unversöhnliche“ auch auszuhalten. Beim Mitleid hingegen werde der Andere jedoch zum Opfer gemacht und stereotypisiert. Doch wie kommt es dazu? „Unsere Sozialisation prägt den Zugang zur Welt“, erläutert die Dozentin an der Karlshochschule in Karlsruhe. In diesem Sinne stünden sowohl der Kolonialismus wie auch der Nationalsozialismus für ein Verlernen von Empathie durch Entmenschlichung. Und auch heute sei die Gesellschaft zunehmend mit einer Verrohung und Brutalisierung konfrontiert. Ihre These: Das hänge mit dem neoliberalen Unbehagen zusammen.

Persönliches Versagen

Ideologien arbeiteten stets mit toxischen Anerkennungsversprechen – in denen die eigene Position erhöht und der Gegenüber abgewertet werde. „Wenn Menschen Ohnmachtserfahrungen erleben, sind sie für so etwas mitunter anfällig“, gibt Meisterhans zu bedenken. Im Neoliberalismus herrsche die Erzählung, dass „jeder seines Glückes Schmied“ sei und sich selbst optimieren könne. „Gleichzeitig wird Scheitern als persönliches Versagen dargestellt“, fuhr sie fort. Das mache etwas mit den Leuten. So werde ihnen zuerst ganz viel versprochen – was sich aber nicht erfüllt. Und dann komme individueller Scham und Schuld, aber auch Wut aufgrund der erlebten Kränkungserfahrung.

Gegen Arme und Geflüchtete

Während bestimmte Dinge – etwa der gestrandete Wal „Timmy“ – geradezu „heilig gesprochen“ würden, suche man für die eigene erlebte Kränkung Schuldige und Sündenböcke. „Der Neoliberalismus lädt dazu ein, sich nicht mit allen zu identifizieren – vor allem nicht mit den Gescheiterten“, betont Meisterhans. Entlang einer Freund-Feind-Konstruktion würde eine neue Zugehörigkeit geschaffen – und Grundsicherungsempfänger*innen oder Geflüchtete verurteilt. „So gibt es einen Zusammenhang zwischen Neoliberalismus, Autoritarismus und Faschisierung“, erläuterte die Wissenschaftlerin.

„Sprengt den Wal!“

In der medialen Überidentifikation mit „Timmy“ wurde jedoch weder die Überhitzung oder Übersäuerung, geschweige denn die Überfischung der Weltmeere diskutiert – die Ursache des Sterbens war gar kein Thema. „In diesem Sinne braucht es mehr Reflexion von Herrschaft- und Machtkonflikten“, fordert sie. Jemand, der die Rezeption um „Timmy“ kritisch hinterfragt, ist die Rock-Band Tulpe mit ihrem Song „Sprengt den Wal!“.

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