Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut

15. Oktober 2025  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Mit dem Slogan „Mehr für uns ist besser für alle“ konnte die Berliner Krankenhaus-Bewegung breite Teile der Bevölkerung für bessere Bezahlung und Personal im Gesundheitswesen begeistern. (Benedikt Hopmann/Gewerkschaftliche Linke Berlin)

Warum die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht und wie sich Arbeiter*innen in solidarischen Praktiken dagegen wehren können, zeigt Nicole Mayer-Ahuja in ihrem Buch „Klassengesellschaft akut“ auf. Im Deutschlandfunk Kultur sprach die Professorin etwa über die Erfolge der Krankenhaus-Bewegung.

Deutschland: Soziale Ungleichheit

„Das reichste Prozent der deutschen Bevölkerung verfügt über 30 Prozent des Gesamtvermögens“, stellte Nicole Mayer-Ahuja fest. Diese massive Erfahrung sozialer Ungleichheit habe ihrer Einschätzung nach dazu geführt, dass die Klassenfrage wieder in den gesellschaftlichen Mittelpunkt gerückt werde. Schließlich würde die Tatsache, wo man sozioökonomisch in der Gesellschaft stehe, den eigenen Lebensentwurf massiv beschneiden, erklärte die Autorin des Buchs „Klassengesellschaft akut“.

Die Arbeitskraft verkaufen

So komme dem Verhältnis zwischen denen, die fremde Arbeitskraft einkauften, um Waren zu produzieren oder Dienstleistungen zu erbringen, und denen, die gezwungen sind, ihre eigene Arbeitskraft zu verkaufen, eine entscheidende Bedeutung zu. Doch wie kommt es zu den aktuellen Ausmaßen der sozialen Ungleichheit? „Schon Berthold Brecht hat festgestellt: Wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich“, zitierte sie den sozialkritischen Dramaturgen. Das System, in dem wir lebten, produziere jeden Tag Reichtum, hielt Mayer-Ahuja fest.

Anhäufung von Reichtum

Ein Teil der Bevölkerung gehe tagtäglich zur Arbeit, um diesen Reichtum zu produzieren, andere griffen auf deren Arbeitskraft zurück, um den eigenen Reichtum zu mehren. „Bei der Verteilung geht die Schere immer weiter auseinander“, kritisierte die Professorin der Universität Göttingen. Denn bei vielen großen Vermögen sei über mehrere Generationen hinweg auf fremde Arbeitskraft zurückgegriffen worden – die Gewinne wurden jedoch beim eigenen Unternehmen verbucht und nicht an die Arbeiter*innen ausgezahlt. Aktuell gelten 92 Prozent der arbeitenden Bevölkerung als abhängig Beschäftigte.

Konkurrenz über alles

„Es herrscht Konkurrenz zwischen Unternehmen, Standorten und Nationalstaaten“, beschrieb die Wissenschaftlerin das gängige Wirtschaftssystem. Auch die einzelnen Menschen konkurrieren um Arbeitsplätze oder Aufstiegschancen im Betrieb. Doch wie müsse eine Politik der Arbeit aussehen, bei der nicht die Abgrenzung und das Gegeneinander, sondern das Gemeinsame im Fokus stünde? „Ein gutes Beispiel ist die Berliner Krankenhaus-Bewegung“, hielt sie fest. Denn auch das Gesundheitswesen sei auf Spaltung und Trennung aufgebaut gewesen.

Outsourcing im Krankenhaus

So seien Aufgaben in der Einrichtung – etwa die Küche, Reinigungsdienste oder der Bettentransport – in fremde Unternehmen ausgelagert geworden. „Die Menschen arbeiteten zwar jeden Tag zusammen, erhielten aber unterschiedlichen Lohn, da sie zu verschiedenen Tochtergesellschaften gehörten“, führte die Soziologin aus. Der Streik des Personals habe es geschafft, die unterschiedlichen Beschäftigten an einen Tisch zu bringen. „Die Tarifkommission für Pflege und die für ausgelagerte Reinigungsdienste haben jetzt gemeinsame Sitzungen“, nannte sie ein Beispiel.

Gewinn statt Gesundheit

Der damalige Slogan „Mehr für uns ist besser für alle“ habe verdeutlicht, dass der Mangel an Personal, Zeit und Geld das Hauptproblem einer guten Pflege sei. Und das fand eine enorme Unterstützung in der Bevölkerung. „Die Leute müssen unter Zeitdruck immer mehr leisten, können aber so keine ,gute Arbeit’ mehr machen“, schilderte Mayer-Ahuja einen Teufelskreis, der zu großen Ohnmachtsgefühlen bei den Beschäftigten führe. Das Unternehmen sei schließlich bestrebt, möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften, um dieses Geld erneut investieren zu können – und nicht optimale Arbeitsbedingungen für seine Angestellten zu schaffen.

Konflikt: Kapital und Arbeit

Dabei stelle sich für sie eine Frage: „Sitzen die Beschäftigten mit der Unternehmensleitung in einem Boot, um sich gegen ,die Chinesen’ zu verteidigen – oder sind die Gemeinsamkeiten mit chinesischen Arbeiter*innen oder nicht-deutschen Lohnabhängigen in der Bundesrepublik größer?“ So sei in großen Unternehmen ein „betrieblicher Universalismus“ erkennbar: Die Beschäftigten nähmen sich als Kolleg*innen war, da man jeden Tag gemeinsam auf Schicht gehe. Die Nationalität spiele hingegen keine große Rolle. „Wichtiger ist die Konfliktlinie zwischen Kapital und Arbeit“, sprach sie gemeinsame Arbeitskämpfe um Lohnerhöhungen an.

Armut, Migration – Gewerkschaft?

In den vergangenen 30 Jahren habe sich die Mitgliederzahl der Gewerkschaften nahezu halbiert, in weiten Teilen der Arbeitswelt spielten ver.di, NGG & Co. keine Rolle mehr. „Das ist vor allem bei kleinen Firmen der Fall, wo besonders häufig migrantische Frauen arbeiten“, erläuterte sie. Denn im Niedriglohnsektor könne der DGB-Mitgliedsbeitrag ein entscheidendes Ausschlusskriterium sein. Befristete Arbeitsverträge und unsichere Aufenthaltstitel könnten ebenfalls Hinderungsgründe für einen Gewerkschaftsbeitritt sein, überlegte Mayer-Ahuja, die auch im Gewerkschaftsrat der Linken sitzt.

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