
„Defensive Architektur“, um obdachlosen Menschen das Leben unmöglich zu machen heute, Arbeitshäuser für „Arbeitsscheue“ früher. Der Deutschlandfunk widmete sich dem Thema Obdachlosigkeit von der Reichsgründung bis in die Gegenwart.
Massenphänomen Obdachlosigkeit
In Deutschland ist die Zahl der Obdachlosen in den vergangenen Jahren gestiegen. Man schätzt, dass etwa 50.000 Menschen auf der Straße leben. Wohnungslose Menschen hingegen haben keinen festen Wohnsitz, kommen aber privat bei Freunden auf der Couch oder in Heimen unter. Schätzungsweise eine halbe Million Menschen ist von Wohnungslosigkeit betroffen. Obdachlosigkeit gab es vermutlich schon immer – zum Massenphänomen wurde es hingegen erst Ende des 19. Jahrhunderts, als im Deutschen Kaiserreich die Industrialisierung einsetzte. Dampfmaschinen trieben in den Fabriken Webstühle und Spinnmaschinen an, aus agrarisch geprägten Gebieten kam es zur Landflucht, als verarmte Bäuer*innen Arbeit in den Industriezentren suchten – jedoch keine Wohnungen fanden.
Konjunkturelle Arbeitslosigkeit
„Die spekulationsgetriebene ,Gründerkrise’ und eine Agrarkrise, die vor allem die armen Bevölkerungsschichten belastete, führte zu einer hohen Arbeitslosigkeit“, schilderte Britta Marie Schenk die Zustände zwischen 1870 und 1880. Viele arbeitslose Männer zogen auf der Suche nach einer Anstellung durchs Land. Auch fehlten bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs preiswerte Kleinwohnungen, da sich diese – im Gegensatz zu hochpreisigen Immobilien – für die Baubranche nicht so sehr lohnten. „Wohnungslosen Menschen wird ein liederlicher Lebenswandel und arbeitsscheues Verhalten unterstellt“, erläuterte die Professorin, die zur Geschichte sozialer Ungleichheit lehrt. Trotz wiederkehrender konjunktureller Massenarbeitslosigkeit wurde Obdachlosigkeit als eine selbstverschuldete Lebenslage wahrgenommen.
Arbeit ohne Wohnung
So konnten Menschen ohne festen Wohnsitz in Arbeitshäuser eingewiesen werden, wo sie Seite an Seite mit Strafgefangenen harte körperliche Arbeit zu verrichten hatten – mitunter jahrelang, bis ein Gericht etwas anderes entschied. „Ziel war, den Insassen Arbeitsdisziplin ,anzuerziehen’“, kam Schenk auf die gesellschaftlichen Vorurteile zu sprechen. Umherziehende Menschen erhielten nur dann eine finanzielle Unterstützung, wenn sie sich drei Jahre an einem Ort aufhielten – für Saisonarbeiter, die von Hof zu Hof zogen, ein Ding der Unmöglichkeit. Im sächsischen Aschersleben wurde eine große Fabrik für 3.000 Arbeiter errichtet. Für diese und deren Familien gab es in der Stadt jedoch nicht genügend Wohnraum, so dass sie in Ställen oder Scheunen im Umland leben mussten.
Kampf ums Wohnen
Ähnliches ereignete sich beim Bau des Nord-Ostsee-Kanals bei Kiel. Zwar gab es Arbeit auf der Großbaustelle, aber keine Wohnungen für die Menschen. Lebten 1871 rund 41 Millionen Menschen im Kaiserreich, wuchs ihre Zahl auf 58 Millionen im Jahr 1910 an – in den Städten wurden jedoch nicht in dem gleichen Maße Häuser gebaut. „Beim Kottbuser Tor in Berlin errichteten obdachlose Familien ganze Holzbaracken-Siedlungen“, beschrieb sie eine Gegenreaktion aus dem Jahr 1872. Als diese von der Obrigkeit jedoch gewaltsam abgerissen wurden, kam es zu tagelangen Straßenschlachten mit der Polizei. Ein Jahr später errichtete die Stadt ein Wohnheim, das zum ersten Mal einen eigenen Bereich für Familien vorsah.
Republik für Wohnraum
Durch die Massenmobilisierung im Ersten Weltkrieg sank die Zahl der Obdachlosen in den Städten. In den ersten Jahren der Weimarer Republik wurden Wohnungen staatlich zugewiesen, um Spekulation und Leerstand zu unterbinden. Auch wurden zahlreiche Mieter*innenschutz-Gesetze eingeführt sowie die finanzielle Unterstützung ausgeweitet, etwa in Form der Erwerbslosenfürsorge. „In den 1920er Jahren sind viele dieser Errungenschaften aber wieder zurückgenommen worden“, schränkte Schenk ein. Der Börsencrash von 1929 vernichtete die Ersparnisse von Millionen Menschen, viele verloren ihre Wohnung. „Bettler und Landstreicher wurden als ,asozial’ angesehen – obwohl ihre Zahl in der Republik quantitativ zurückging“, erläuterte sie den Unterschied zwischen gefühlter Wirklichkeit und Realität.
Weimarer Autoritarismus
„Statt die sozialen Ursachen von Armut und Obdachlosigkeit zu beseitigen, bekämpfte man am Ende der Weimarer Republik Obdachlose mit staatlicher Repression“, kritisierte Julia Hörath. Als „unverbesserlich“ Angesehene sollten durch Internierung und Zwangssterilisation aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Mit dem Regierungsantritt der NSDAP gingen die Verantwortlichen in der Wohlfahrtspflege und den Sozialverbänden daran, eine autoritäre sozialrassistische Ideologie umzusetzen.
Der schwarze Winkel
Am 3. Februar 1933 erfolgte in Berlin eine großangelegte Razzia gegen Obdachlose, im Juni ging die Polizei im niederbayerischen Straubing gegen Bettler*innen vor, im Juli erklärte der Landrat von Görlitz, dass „Asoziale“ in das örtliche Konzentrationslager einzuweisen seien. „1938 kam es zur Aktion ,Arbeitsscheu Reich’, bei der mehr als 10.000 als ,asozial’ deklarierte Menschen in Konzentrationslager deportiert wurden“, sprach die Historikerin der FU Berlin die weitere Eskalation an. Die meisten von ihnen starben durch Zwangsarbeit. Erst 2022 wurden „Asoziale“ – die im Lager einen schwarzen Winkel trugen – als eigene Opfergruppe des Nationalsozialismus anerkannt.
BRD und „Stadtbild-Debatte“
In der Bundesrepublik wird der Straftatbestand der Obdachlosigkeit erst 1974 abgeschafft, in der DDR galt dies bis 1989 als „asoziale Lebensweise“ und wurde mit der Einweisung in Umerziehungslager geahndet. Allerdings gab es im „Arbeiter- und Bauernstaat“ mit den billigen Mieten und dem Umstand, dass kaum jemand eine Wohnungskündigung erhielt, deutlich weniger Obdachlose als im Westen. Nach der Wiedervereinigung kam es zu einer Null-Toleranz-Politik. „Das ist die Reaktion darauf, dass Obdachlose sich in den Fußgängerzonen der Innenstädte niederließen und somit sichtbar für Tourist*innen wurden“, sprach Schenk, die an der Universität Luzern arbeitet, die damalige „Stadtbild-Debatte“ an. Auch kam es seitens der Bürger*innen zu zahlreichen Beschwerden, wenn Obdachlose sich in Parks oder an Bahnhöfen aufhielten. Es folgte die „defensive Architektur“ – auf Bänken wurden zwischen jedem Sitzplatz eine Armlehne montiert, um das Schlafen darauf zu verhindern. Doch der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist noch immer vorhanden.
Weiterführende Links:
- Deutschlandfunk (9.10.2025): Obdachlosigkeit. Abgestempelt als „asozial“ – https://www.deutschlandfunk.de/obdachlosigkeit-geschichte-stigmatisierung-asoziale-100.html
- Die Linke SC-RH (15.2.2022): Vergessene NS-Opfergruppen: „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/geschichte/vergessene-ns-opfergruppen-asoziale-und-berufsverbrecher/
- Die Linke SC-RH (18.7.2024): Armut. Das Versagen der Republik – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/armut-das-versagen-der-republik/














