Planvoll, demokratisch, nachhaltig

24. Juli 2026  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Bild: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Wie kann demokratische Planung helfen, fossile Energien oder überflüssigen Konsum abzubauen, um stattdessen auf nachhaltige Ressourcen und Gemeinwohl zu setzen? Dieser Frage ging Razmig Keucheyan in der Literatur-Vorstellungsreihe „linksbündig“ nach.

Chinesischer Erfolgsplan

„Die Politik kann im wirtschaftlichen Bereich die Kontrolle übernehmen“, erklärte Razmig Keucheyan den Grundgedanken von Planung. So könnten individuelle und kollektive Bedürfnisse besser erfüllt werden. Im Kapitalismus herrsche mit der „Autonomie der Wirtschaft“ die Erzählung vor, Wirtschaft und Politik seien zwei getrennte Sphären. Planung will diese Bereiche wieder zusammenführen“, erläuterte der französische Soziologe. Massive Eingriffe habe man 2008 während der Finanzkrise gesehen, als der Staat die Märkte rettete. Der Aufstieg Chinas zur dynamischen Volkswirtschaft sei ohne die staatliche Planung nicht denkbar gewesen. Und schließlich biete der „freie Markt“ keine Lösungen, wie man erfolgreich mit der Klimakrise umgehen könne.

Staat ist unverzichtbar

„Wir müssen nachhaltige Energiequellen erschließen, gleichzeitig aber auch fossile Infrastruktur abbauen“, erklärte er. Allerdings sei in einer kapitalistischen Wirtschaft die Demontage „schmutziger“ Unternehmen nicht profitabel. „Diese Arbeit muss also der Staat übernehmen“, hielt der Autor fest. Dessen institutionelle Bürokratie brauche man auch, um die künftige Planung bewerkstelligen zu können. Und auch die Entkoppelung von Wachstum und CO₂-Emissionen dürfe nicht der „unsichtbaren Hand des Marktes“ überlassen werden – sondern müsse vom Staat koordiniert werden, forderte Keucheyan. Die Frage laute jedoch: Ist die Klimakrise so akut, dass das Bedürfnis nach nachhaltiger Wirtschaft mittels Planung umgesetzt wird?

Flugreisen rationieren

Der Mensch hat biologische Bedürfnisse – wie die Ernährung. Darüber hinaus gäbe es zahlreiche historische Bedürfnisse – die demokratisch diskutiert werden können, innerhalb der planetaren Grenzen unseres Ökosystems. So müsse man beispielsweise definieren, inwieweit (Flug)Reisen mit Blick auf die Klimakrise noch vertretbar seien. „Die Zahl der Flüge, die eine Person in ihrem Leben tätigen kann, ist zu begrenzen“, forderte er. Umfragen in den USA hätten ergeben, dass solche Rationierungen von der Bevölkerung unterstützt werden, wenn es statt der „überflüssigen Praktiken“ ein gut ausgebautes Gesundheitssystem oder ausreichend Wohnraum für die Menschen gibt.

Entscheidung von unten

Die Philosophin Agnes Heller hatte ein Buch über die „Bedürfnis-Diktatur“ geschrieben – gemeint war die Sowjetunion, in der eine bürokratische Gruppe entschied, was die Bedürfnisse der restlichen Bevölkerung seien. „Die Entscheidungen sollten von den Bürger*innen auf lokaler Ebene getroffen werden“, lautete Keucheyans Gegenvorschlag. Dazu brauche es föderale Strukturen. Entgegen der sowjetischen Top-Down-Mentalität habe Karl Marx nur von individuellen Bedürfnissen gesprochen – schließlich seien die Menschen in der Lage, für sich selbst zu entscheiden. „Die individuellen Wünsche werden von den Prinzipien der Nachhaltigkeit und der Gleichheit eingeschränkt“, wandte der Soziologe sein Konzept der Gegenwart an.

Mitarbeit am Produkt

Denn nur, wenn beide erfüllt seien, könnten Bedürfnisse befriedigt werden. „Nur so kann die soziale Ungleichheit, wie sie Thomas Piketty im ,Kapital im 21. Jahrhundert’ beschreibt, abgebaut werden“, hielt er fest. Der Kapitalismus trenne die Produzent*innen der Güter von den Menschen, die diese benutzten. „Open-Source-Software läuft diesem Prinzip entgegen“, sagte Keucheyan. Denn hier könnten die Nutzer*innen ihre Ideen und Vorschläge zur Verbesserung des Produkts selbst einbringen. „Planung kann diese kapitalistische Trennung aufheben, um Produzent*innen und Konsument*innen wieder zusammenzuführen“, erläuterte er. So könnten Produkte gleich viel bedürfnisorientierter entwickelt werden.

Gesundes Essen für alle

Einer CO₂-Besteuerung – Mantra der Konservativen zur Rettung des Weltklimas – erteilte er eine Absage. „Wegen der Steuer wird das reichste ein Prozent seinen Lebensstil nicht ändern“, blickte er auf Elon Musk und Co. Die Reichen würden einfach weiter mit Privatjets oder Raketen fliegen – da sie die Zusatzgebühr leicht bezahlen können. Um Zustimmung bei breiten Teilen der Bevölkerung für eine ökologische Transformation zu erhalten, setzte er auf grüne, gut bezahlte Jobs, die die Menschen nicht von ihrer Arbeit entfremdeten. Denkbar wäre auch, dass über die Krankenversicherung der Zugang zu Bio-Lebensmittel ermöglicht werde, die in regionalen Kooperativen hergestellt würden.

Digital und demokratisch

So könne gesunde Ernährung auch für einen großen Teil der Bevölkerung bezahlbar werden. Hoffnung setzte Keucheyan ebenfalls in ein Verbot von Werbung – da den Verbrauchern so nicht mehr unzählige Konsumwünsche suggeriert würden. Im Juni 2026 war das Volksbegehren „Berlin werbefrei“ gescheitert, da statt der erforderlichen 175.000 Unterschriften nur 43.000 Menschen unterzeichneten. Für eine gelungene Planung setzt der Autor auf Digitalisierung. „Heutzutage sind alle Lieferketten digitalisiert – wir wissen, wo wann was verkonsumiert wird“, erläuterte er. Sei es bei der Online-Bestellung oder der Kartenzahlung an der Supermarkt-Kasse. Die Ressourcen zur digitalen Planbarkeit seien vorhanden, die Frage der zu berücksichtigenden Bedürfnisse müsse radikaldemokratisch bestimmt werden.

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