
Rechtsextremes Denken und der Prozess der Faschisierung sind in vielen Ländern auf dem Vormarsch. Das Schweizer Radio und Fernsehen sprach darüber mit Eva von Redecker und Damir Skenderovic.
Faschistischer Besitz
„Im Faschismus soll ,Regieren’ und menschliche Beziehungen durch ,verfügen’ ersetzt werden“, hält Eva von Redecker fest. Man wolle wie ein Eigentümer über andere herrschen können. Dafür werde realen Verlustängsten von Menschen mit „Ersatzangeboten“ begegnet – etwa „die gestohlene Wahl“, „unsere Familie“ oder „mein Land“. „Es wird behauptet, die Menschen hätten einen Anspruch auf den Besitz dieser Dinge“, erläuterte die Philosophin. Das sei in unserer liberalen Gesellschaft jedoch ein Anachronismus. „Frauen gehören nicht mehr den Männern“, rief sie in Erinnerung. Auch würden Schwarze Menschen nicht mehr von Weißen versklavt.
Recht des Stärkeren
„Dass Donald Trump über ausgerufene Notstände und Exekutiv-Order ohne Beteiligung des Parlaments regiert, ist für mich ein faschistisches Zeichen“, sagte sie mit Blick auf den US-Präsidenten. Auch sei sein Anspruch auf Grönland eine klare faschistische Eigentumsanmaßung. „Hier soll nur das Recht des Stärkeren zählen“, kommentierte sie seine Drohungen gegenüber Dänemark. Zugleich gäbe es aber auch ein transnationales Denken der „weißen Vorherrschaft“, das über die USA nach Europa bis Russland reiche – also quasi das Gegenteil früherer ultranationalistisch-faschistischer Strömungen. „Hier steht die ‚weiße Rasse‘, nicht eine Nation im Fokus“, erklärte von Redecker.
Linker Universalismus
Entgegen der bürgerlichen „Hufeisen-Theorie“ gibt es jedoch keinen „linken“ Faschismus, betonte sie. „Es gibt linke Gewalt oder Autoritarismus“, führte sie aus. Diese stünde jedoch im Gegensatz zu linken universalistischen Werten wie Freiheit, Gleichheit oder Brüderlichkeit. „Der Faschismus sagt: Es soll das Recht des Stärkeren herrschen – es gibt nur noch stumpfe Macht“, wies sie auf den Wesenskern der Ideologie hin. Auf der linken Seite gäbe es dafür überhaupt kein Äquivalent.
Nach unten treten
Doch wie kommt es zu faschistischen Grundhaltungen? Die realen Alltagserfahrungen, dass alles teurer, schwieriger und aufreibender werde, führten Redecker zufolge dazu, dass bestimmte untergründigen Einstellungen zur Härte plötzlich zum zentralen Ankerpunkt des eigenen Handelns würden. „Ursache ist ein empfundenes Kränkungsgefühl, das auf realen Komponenten beruht“, erklärte sie. Doch anstatt einen mühseligen Kampf um Gerechtigkeit dagegen zu führen, suche man sich einen Schwächeren, an dem man seine negativen Gefühle auslassen könne.
Rechter Körperkult
„Rechtsextremismus ist oft mit jugendkulturellen Entwicklungen verbunden“, erläuterte der Historiker Damir Skenderovic. Beispielhaft seien die rechten Skinheads, die ab den 1970er Jahren eine eigene subkulturelle Szene aufbauten. Heutzutage spielten Körperkult und Männlichkeitswahn für die Jugendlichen eine wichtige Rolle. Auf Tiktok würden Freizeitaktivitäten wie Bodybuilding oder Kampfsport angeboten. „Dieser Körperkult ist eines der zentralen Merkmale des historischen Faschismus“, betonte er.
Die Gefahr steht rechts
Ein weiteres Narrativ dieser Ideologie in der Zwischenkriegszeit sei der Antikommunismus – der Kampf gegen die „Gefahr von links“ – gewesen. Heute würden Rechtsextreme wie Charly Kirk oder Quentin Deranque zu heroischen Überfiguren und Opfern gemacht, warnte der Rechtsextremismus-Forscher. Auch diese Inszenierung als Opfer sei dem Faschismus immanent. Und stellte klar: „In keinem einzigen europäischen Land gibt es eine Bedrohung der Demokratie von links.“ Die Gefahren durch Parteien, die die Demokratie abbauen wollten, gingen – wie in den vergangenen Jahrzehnten in Ungarn oder Polen – alle von rechts aus.
Wiedergeburt einer Nation
Die neue Faschismus-Debatte der 1990er Jahre blickte stärker auf vergleichende Merkmale des faschistischen Phänomens – da es in der Zwischenkriegszeit in allen europäischen Ländern präsent gewesen war. Während der Faschismus in Italien und Deutschland an die Macht kam, blieb es in anderen Staaten eine bloße Bewegung. Roger Griffin betonte den in der faschistischen Ideologie vorherrschenden populistischen Ultranationalismus. Ebenso hob er die Wiedergeburt der Nation hervor, die vorher im Niedergang begriffen war. „Kann man diese Definition auf die USA unter Trump oder andere europäische Länder anwenden?“, fragte Skenderovic unter Bezugnahme auf die MAGA-Ideologie.
Weiterführende Links:
- SRF Kultur (1.6.2026): Extremismus auf dem Vormarsch – https://www.youtube.com/watch?v=jlbO-ckfIew
- Die Linke SC-RH (13.5.2026): Eva von Redecker. Gegen den Faschismus – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/eva-von-redecker-gegen-den-faschismus/
- Die Linke SC-RH (15.2.2023): Roger Griffin. Faschismus. Ein Vergleich – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/roger-griffin-faschismus-ein-vergleich/














