Rechtsterrorismus in Deutschland

05. Februar 2026  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Walter Lübcke (CDU) wurde am 2. Juni 2019 von einem Rechtsextremisten ermordet. Das „Zentrum für politische Schönheit“ stellte eine Bronzeplastik Lübckes vor dem Konrad-Adenauer-Haus auf, um die CDU an die Notwendigkeit einer Brandmauer gegen die AfD zu erinnern (Elke Wetzig, CC BY 4.0).

Das Oktoberfest-Attentat von 1980, die jahrelange Mord-Serie des NSU oder die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke – Rechtsterrorismus ist eng mit der Bundesrepublik verbunden. Der Deutschlandfunk blickt darauf, welche gesellschaftlichen Probleme sich durch das „Gift der Verharmlosung“ rechter Gewalt ergeben.

CSU schaut weg

Um 22.19 Uhr explodierte am 26. September 1980 am Haupteingang zum Münchner Oktoberfest ein Sprengsatz – 10 Tage vor der Bundestagswahl, bei der sich Franz Josef Strauß (CSU) und Helmut Schmidt (SPD) als Kanzlerkandidaten gegenüberstanden. Der Täter und zwölf weitere Menschen starben, über 200 Personen wurden verletzt. Bei dem Täter handelte es sich um einen 21-jährigen Studenten, der Verbindungen zur rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann hatte. Die CSU hatte diese Gruppe in den Jahren zuvor immer wieder als harmlos dargestellt, die bayerischen Ermittler erklärten schließlich, das Oktoberfest-Attentat sei nicht politisch motiviert gewesen.

Rechtsextremer Terrorakt

Der Neonazi Karl-Heinz Hoffmann gründete 1973 die Wehrsportgruppe Hoffmann, die er nach dem Führer-Prinzip aufbaute. Vor allem junge Männer – wie jener Student aus Donaueschingen – fühlten sich von der rechten Gegenbewegung und ihrer militärisch-faschistischen Ästhetik angezogen. Im Januar 1980 verbot der damalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) die Wehrsportgruppe, nachdem Bayerns Staatsregierung sie trotz ihres Gefahrenpotentials sechs Jahre lang geduldet hatte. Erst 34 Jahre nach dem Anschlag wurden die Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft wieder aufgenommen. Nach 6 Jahren stand das Ergebnis fest: Das Oktoberfest-Attentat war der schwerste rechtsextreme Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik. Unklar bleibt allerdings bis heute, ob es sich um einen Einzeltäter handelte.

Applaus für brennende Häuser

Seit der Gründung der Bundesrepublik 1949 geht man von hunderten Opfern rechten Terrors aus – eine Statistik gibt es jedoch erst seit 1990. Im brandenburgischen Eberswalde wurde in jenem Jahr der Angolaner Amadeu Antonio und einige Freunde von mit Baseballschlägern bewaffneten Rechtsextremisten angegriffen. Drei bewaffnete Zivilpolizisten griffen nicht ein, als jemand auf den Kopf des am Boden liegenden Antonio sprang. Schließlich erlag er seinen Verletzungen. Im sächsischen Hoyerswerda griffen Rechtsextreme 1991 eine Flüchtlingsunterkunft und ein Wohnheim ehemaliger Vertragsarbeiter*innen an. Schaulustige Anwohner*innen applaudierten, als Brandsätze gegen die Häuser geworfen wurden.

Rechter Mob und Bundestag

In Rostock-Lichtenhagen wurden die „Sonnenblumen-Häuser“ angegriffen, in Mölln starben drei türkische Bewohner*innen bei einem nächtlichen Brandanschlag, 1992 forderte ein weiterer Brandanschlag in Solingen fünf Todesopfer. „Rassistische Gewalt hat Ende der 1980er sowohl in der BRD als auch der DDR massiv zugenommen“, ordnete die Historikerin Barbara Manthe die Anschläge und Pogrome ein. Nach der Wiedervereinigung trat niemand diesen Exzessen entgegen, vielmehr wurde die Gewalt relativiert oder sogar gutgeheißen. Beispielsweise glorifizierte die Skinhead-Szene als Jugend-Subkultur die Gewalt und machte sie zu etwas Alltäglichem. Statt Empathie für die Opfer gab es Erklärungsversuche für das Verhalten der Täter*innen. Als Konsequenz der ausländerfeindlichen Ausschreitungen verschärfte die Bundesregierung 1993 das Asylrecht.

NSU: Mord in Nürnberg

In Jena gründet sich eine Kameradschaft, aus der schließlich der Nationalsozialistische Untergrund um Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe hervorging. Zwischen 2000 und 2007 ermordeten die drei zehn Menschen – die Polizei ging von „Clan-Kriminalität“ aus und ermittelte im migrantischen Milieu der Opfer. Enver Şimşek lebte mit seiner Familie in Nürnberg, wo er einen mobilen Blumenladen bei Langwasser betrieb. Am 9. September 2000 wurde er mit acht Kugeln niedergestreckt und starb später im Krankenhaus. Die Ermittler suchen im Umfeld des Opfers und verhören dessen Ehefrau. Nach der Selbstenttarnung des NSU beginnt 2013 der NSU-Prozess gegen Zschäpe und vier weitere Mitangeklagte in München. „In den Untersuchungsausschüssen saßen Vertreter*innen von BKA und Landeskriminalämtern sowie des Verfassungsschutzes, die sich gegenseitig die Zuständigkeiten und somit auch die Verantwortung zuschoben“, erläuterte Tanjev Schultz die Frage, wie Rechtsextreme jahrelang unerkannt in der Bundesrepublik morden können.

Mord an Walter Lübcke

Zschäpe selbst behauptete, nichts von den Morden gewusst zu haben, wurde jedoch 2018 als Mittäterin an zehn Morden, einem Mordversuch, zwei Bombenanschlägen und 15 Raubüberfällen zu lebenslanger Haft verurteilt. Die besondere Schwere der Schuld wurde vom Gericht festgestellt. Allerdings besteht durch die Teilnahme an einem Aussteigerprogramm für Rechtsextremismus die Möglichkeit auf vorzeitige Haftentlassung. 2016 kam es zu einem rechtsextremen Anschlag in einem Einkaufszentrum in München, 2019 wurde der Regierungspräsident von Kassel, Walter Lübcke ermordet, im gleichen Jahr wird die Synagoge in Halle angegriffen. 2020 starben bei einem Attentat in Hanau zehn Menschen. „Das nach rechts rückende geistige Klima muss gedreht werden, sonst erleben wir nur noch mehr Gewalt“, warnte der Professor für Journalistik. Denn es entstünden immer neue Gruppierungen – etwa die „Letzte Verteidigungswelle“.

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