Solidarität statt Kulturkampf

04. Mai 2026  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Beim „Marsch für das Leben“ – hier 2012 in Berlin – demonstrieren Gruppierungen wie Christdemokraten für das Leben Seite an Seite mit AfD-Abgeordneten, etwa Beatrix von Storch, für eine drastische Verschärfung von Schwangerschaftsabbrüchen. (Turris Davidica, CC BY-SA 3.0)

Welche Verbindungen gibt es zwischen christlich-fundamentalistischen Bewegungen und der politischen Rechten – und was kann die Linke gegen deren rückwärtsgewandten Gesellschaftsentwürfe tun? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Veranstaltung „Es gibt nur zwei Geschlechter. Faschisten und Antifaschist*innen“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Permanenter Ausnahmezustand

„Die Instrumentalisierung von Ängsten, um politische Repression und rechte Kulturkämpfe zu rechtfertigen, bezeichnet man als ,moral panics’“, beschrieb Şeyda Kurt ein Phänomen, dass in den 70er Jahren aufkam und heute Hochkonjunktur feiert. Um das zu erreichen, werde ein gesellschaftlicher Ausnahmezustand suggeriert. Dabei sie die gefühlte Ohnmacht der Menschen automatisch mit der Schaffung von Feindbildern verbunden. „Die Erzählung vom ,Großen Austausch’ behauptet, dass die ,weiße europäische Rasse’ durch muslimische Migrant*innen ersetzt werden soll“, nannte die Journalistin ein Beispiel. Die angebliche Folge: das Aussterben der angestammten Europäer*innen.

Männlicher Besitzanspruch

Gleichzeitig würde der auf Emanzipation ausgerichtete Feminismus gebärfähige cis-Frauen davon abhalten, Kinder zu bekommen – und damit die eigene Nation schwächen. „Das binäre Geschlechter-Denken und die Ausbeutung von Frauen sowie Migrant*innen sind Grundpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft“, hielt Kurt fest. Auf diesem Fundament bauten die ,moral panics’ auf. So würden rassifizierte Menschen mit der Erzählung zum Feindbild gemacht, sie kämen nach Deutschland, um „unsere“ Frauen zu vergewaltigen. Denn diese Sichtweise mache die Einstellung der Akteure deutlich: Weiße Männer, die einen Besitzanspruch auf „ihre“ Frauen aufrechterhalten wollen.

Machtverhältnisse beibehalten

Aktuell stoße der Kapitalismus an seine ökologischen Expansionsgrenzen, so dass es zu einer imperialen Neuordnung der Geopolitik komme, skizzierte sie die militärischen Konflikte der Gegenwart. „Die Regierenden wollen die Kontrolle über die Produktion und Reproduktion wieder herstellen“, erläuterte Kurt die innenpolitischen Konsequenzen. Schließlich benötige man in solch einer Situation wirtschaftlich mehr Konsument*innen und militärisch mehr Soldat*innen. Einher mit der Aufrüstung und Militarisierung gehe auch die Prekarisierung im Fürsorge- und Pflegebereich. Andererseits werde der weiblich geprägte Krankenhaussektor im Sinne einer Kriegslogik auf den „Ernstfall“ vorbereitet. „Die bürgerlich-liberalen Kräfte haben ein Interesse daran, dass die Besitz- und Machtverhältnisse so bleiben wie sie sind“, kommentierte sie die hohe Zustimmung von Militarisierung im Äußeren und Autoritarismus im Inneren.

Die „traditionelle Familie“

Seit drei Jahren recherchierte die brasilianische Investigativ-Journalistin Andrea Dip zu christlich-fundamentalistischen Bewegungen in Ungarn, Polen, Deutschland, den USA und Brasilien. „Zu ihren Konferenzen kommen Abgeordnete, Premierminister und sogar Präsidenten“, gab sie einen Einblick in die engen Verflechtungen zur Politik. Zentrale Themen seien staatliche Politik, Gesetzgebung und Lobby-Arbeit. „Ihre Vorstellungen zur traditionellen Familie, Zweigeschlechtlichkeit und der Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen durchdringen all ihre Perspektiven auf Migration, Wirtschaft oder Erziehung“, führte sie aus.

Geschlechtsspezifische Gewalt

Alles diene einzig dazu, die heteronome Familie zu verteidigen. So sei der Stopp von Diversitätsprogrammen in den USA durch Präsident Donald Trump einer der Punkte, die schon vor Jahren bei solchen Treffen besprochen wurden. Die Auswirkungen solch eines gesellschaftlichen Klimas machte Dip anhand ihres Heimatlandes deutlich. „Die durchschnittliche Lebenserwartung einer Transgenderfrau in Brasilien liegt bei 35 Jahren“, erklärte sie. Denn dort gäbe es so viele Morde an Transgender-Personen wie sonst kaum auf der Welt. Geschlechtsspezifische Gewalt steige immer weiter an, auch die Zahl von Femiziden und Massenvergewaltigungen sei sehr hoch.

Ganzheitlich denken

Vor der Präsidentschaftswahl 2022 sei der linke Kandidat Lula nach der Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen gefragt worden. Seine Antwort: „Ich bin Christ.“ 2026 stehen erneute Präsidentschaftswahlen an und Analyst*innen sehen Chancen auf Lulas Wiederwahl – weil er keine kontroversen Themen anspricht, die die evangelikale Wähler*innenschaft verschrecken könnte. „Linke Bewegungen müssen ihre Forderungen mehr intersektional verstehen“, appellierte Dip – also Klimanotstand, Arbeit, Antirassismus und Antifaschismus sowie Gender-Gerechtigkeit verbinden.

Rebellion für Gerechtigkeit

Und sagte: „Wir müssen wieder rebellischer werden.“ Denn momentan habe – besonders bei männlichen Jugendlichen – die AfD und ihre „Generation Deutschland“ das Monopol auf Widerstand gegen die bestehende Gesellschaft. „Mit ihren Lügen präsentieren sie den jungen Menschen eine Zukunft, in der es keinen Klimawandel gibt und sie ohne Probleme zwei Autos haben können – wenn die ganzen Migrant*innen außer Landes sind“, umschrieb die Journalistin das autoritäre Konzept. Doch gleichzeitig verdienten einzelne Tec-Konzerne so viel wie das Bruttoinlandsprodukt ganzer Staaten. „An diesem Punkt kann die Linke ansetzen, um Demokratie und Gesellschaft neu zu denken“, lautete ihr Appell.

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