
Fast jeden zweiten Tag wird eine Frau von ihrem Partner getötet. Der Deutschlandfunk beschäftigte sich in „Systemfragen“ mit häuslicher und Partnerschaftsgewalt sowie digitalen Analysemethoden.
„Glück, überlebt zu haben“
Das Bundeskriminalamt zählt für das Jahr 2023 360 Frauen und Mädchen, die Opfer eines Tötungsdelikt wurden. 92 davon waren Opfer innerfamiliärer Gewalt, 155 Opfer von Partnerschaftsgewalt (Intimizide). In dem Jahr gab es 256.000 Fälle von häuslicher Gewalt, die zur Anzeige gebracht wurden – der Großteil der Gewalt findet jedoch im Verborgenen statt und schafft es nicht in die offizielle Polizeistatistik. Felicitas, selbst Betroffene von Partnerschaftsgewalt, sagt: „Ich hatte Glück, ich habe überlebt. Aber ich möchte nicht, dass es vom Glück abhängt, dass andere Frauen überleben.“
Wiederholte Gewalt wird unterschätzt
Die Istanbul-Konvention verpflichtet Deutschland seit 2018, Femizide zu verhindern. Dafür braucht es zum Beispiel eine strukturierte Gefährdungsanalyse. Betroffene können bei Beratungsstellen oder in Frauenhäusern von ihren Gewalterfahrungen berichten, in einigen Bundesländern haben auch Polizist*innen einen Fragebogen dabei, der bei einem entsprechenden Einsatz mit dem Opfer durchgegangen werden kann. Allerdings lautet die grundsätzliche Kritik: Deutschland ist bei der Gefährdungsanalyse noch immer ein Flickenteppich und die Gefahr wiederholter Gewalt werde massiv unterschätzt.
Die Lizzy-App hilft
Uwe Stürmer, Polizeipräsident in Ravensburg, blickt auf die Anfänge seines Engagement gegen Femizide zurück. „Auf der Wache ist praktisch per Zufallsprinzip entschieden worden, wie ernst man das nimmt“, erinnert er sich. Oftmals sei gesagt worden: „Solange nichts passiert, sind uns die Hände gebunden.“ Ein Tool, das das ändern will, ist die Lizzy-App. Das Risikoanalyse-Instrument wird aktuell von Sozialarbeiter*innen – die Nutzung für Polizist*innen ist geplant – verwendet, um häusliche Gewalt zu bewerten und vorherzusagen. Sie kann – differenziert nach zur Verfügung stehenden Zeit mit einer unterschiedlichen Anzahl an Fragen – bei Notrufen oder in Notfallaufnahmen genutzt werden. 13 KI-Modelle berechnen das Risiko körperlicher, psychischer, sexueller, digitaler und ökonomischer Gewalt – aktuell sowie für die nächsten 3 Monate. Die Berechnungen basieren aufgrund von über 7.000 Studienteilnehmerinnen.
Beratungsstellen zu häuslicher Gewalt
Bei häuslicher Gewalt kann die Gewaltschutzanordnung dem Täter den Kontakt und die Annäherung an das Opfer untersagen – bis hin zum Wohnungsverweis. In Gesprächen mit Beratungsstellen können die betroffenen Frauen demütigende und quälende Beziehungen oftmals nicht selbst als mögliche Risikofaktoren klassifizieren. Vor Gericht sind die Zeitpunkte der einzelnen Taten – sowie die dazwischenliegenden Intervalle – von großer Bedeutung.
Sexuelle Gewalt im Alter
Bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar – viele Frauen, die in den 60er – und 70er Jahren geheiratet haben, haben somit auch sexuelle Gewalt in der Ehe erfahren. Häufige Fragen in den Beratungsstellen sind, ob es in der Beziehung zu Drohungen, Sucht, Alkohol oder Gewalt kam. Doch vor allem Angehörige, Pflegepersonal und Polizist*innen müssen für das Thema sexueller Gewalt gegenüber heutigen Seniorinnen noch sensibilisiert werden. GaTE-RAI fußt auf der Auswertung einiger hundert Partnerschaftstötungen, auf deren Grundlage 14 Fragen entstanden, die auf künftige Taten hinweisen sollen. Bestimmte Anzeichen überschneiden sich damit mit Verhaltensweisen, wie sich auch bei Amokläufern zu beobachten sind. So sollen Polizeibeamte das Risiko möglicher Intimizide schneller erkennen.
Weiterführende Links:
- Deutschlandfunk (25.9.2025): Systemfragen. Häusliche Gewalt – https://www.deutschlandfunk.de/haeusliche-gewalt-und-femizide-wie-risiken-besser-erkannt-werden-sollen-100.html
- Publik (2025): KI gegen häusliche Gewalt. Wie die App Lizzy Risikofälle früh erkennt – https://publik.verdi.de/ausgabe-202503/spinnennetz-der-gewalt/
- MDR (19.12.2024): Woran man erkennt, wenn aus der eigenen Familie Gefahr droht – https://www.mdr.de/wissen/psychologie-sozialwissenschaften/intimizid-partner-toetung-mord-familie-ehrenmord-haeusliche-gewalt-102.html














