
Wie wollen die Rechten Geschichte in ihrem Sinne „umschreiben“? Dieser Frage ging der Historiker Volker Weiß anhand seines Buches „Das Deutsche Demokratische Reich“ nach, das er bei einem Vortrag der Stiftung Demokratie Saarland vorstellte.
Milliardär für die Arbeiter*innenklasse?
Nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Donald Trump während des US-Wahlkampfs im Juli 2024 reckte dieser mit blutigem Gesicht die Faust empor und rief seinen Anhänger*innen zu: „Kämpft!“. „Das war die Bildsprache eines Arbeiter*innen-Führers oder Schwarzen Bürger*innenrechtler, der der weiße Milliardär Trump in keiner Weise ist“, erläuterte Volker Weiß. Doch trotz seiner neoliberalen Politik für die oberen zehn Prozent habe er sich den Menschen erfolgreich als der Kandidat gegen die Elite verkauft.
Putin und Stalin
24 Jahre zuvor hatte der frisch gekürte Präsident Russlands, Wladimir Putin, die Oligarchen des Landes einbestellt, um ihnen vor laufender Kamera die Leviten zu lesen. Im Anschluss an diesen „Schauprozess“ lud er die Geschäftsmänner unter Ausschluss der Öffentlichkeit in die ehemalige Datscha des sowjetischen Diktators Josef Stalin ein – die Referenz an den allein herrschenden „Marschall der Sowjetunion“ machten das Machtverhältnis von Staat und Wirtschaft klar: Nun regierte wieder die staatliche Mafia. „Dieses Umdeuten geschichtlicher Symbole nennt man Resignifikation“, hielt der Historiker fest.
Heroischer Faschismus
Die Rechten seien genötigt, die eigene Geschichte zu überschreiben, um so zu einer neuen glorreichen Zukunft zu gelangen. In diesem Sinne bezeichnete der Verleger Götz Kubitschek die kritische Geschichtsforschung als „Vergiftung“ der Vergangenheit, der man den „Krieg“ erklären müsse. Und Trumps einstiger Berater Steve Bannon hatte im Umgang mit den etablierten Medien die Parole ausgegeben, man müsse den medialen Raum „mit Scheiße fluten“. An das dadurch entstandene Meinungschaos knüpft die US-amerikanische Einwanderungsbehörde ICE nun an, indem sie unzählige KI-Bilder von weißen, heroischen Männern generiert, die den „Schmutz“ aus dem Land schaffen. Die Nähe zu früheren Darstellungen von Soldaten im Nationalsozialismus offenbart dabei eine Affinität zum Faschismus. „Die neue US-Gesellschaft soll also autoritär und nationalistisch sein“, fasste Weiß zusammen.
Gewalt und Geschlechter-Stereotype
Mit Beginn des Kriegs Russlands gegen die Ukraine positionierte sich die neonazistische Kleinpartei „Der III. Weg“ aufseiten ukrainischer Nationalist*innen, da das Kerngebiet der „Kiewer Rus“ als letztes Bollwerk der weißen nordischen Kultur vor der gelben der asiatischen Steppe gelesen wurde. Doch damit befänden sie sich im rechten Spektrum eindeutig in der Minderheit. Denn der Großteil der deutschen Rechten hat einen prorussischen Blick. „Spätestens, seitdem Demonstrationen von Homosexuellen in Moskau zusammengeknüppelt wurden“, benannte er eine ideologische Übereinstimmung. Dem autoritären Herrscher Putin trete man mit Respekt gegenüber, da er verhindere, dass man – wie in Europa – dreimal täglich das Geschlecht wechseln müsse, stellte Weiß die starke Fokussierung der Rechten auf die Gender-Frage dar.
Neue Achse Berlin-Moskau
Auch folge Putins „Staatspolitik“ dem Credo des früheren NS-Juristen Carl Schmitt als „Entscheidung und Tat“, was auch die Sicherung von Großräumen miteinschließe. Für „raumfremde Mächte“ gälte dort ein Interventionsverbot. Russland stelle somit ein Gegengewicht zum westlich-amerikanischen Einfluss in Europa dar, an dessen Ende ein eurasisches Zentralbündnis der Achse Berlin-Moskau stehen könne. Dabei berufe man sich auf den russischen Ultra-Nationalisten Alexander Dugin. So solle Russland seine „ordnende Funktion“ wieder einnehmen, die das reaktionäre Zarenreich 1816 nach dem Sieg über Napoleon in der „Heiligen Allianz“ mit Preußen und Österreich innehatte. „Werte wie ,Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit’ zerstören den 1.000-jährigen Volkscharakter der Deutschen“, stellte Weiß die Angst vor „westlichen“ Einflüssen dar. Das Resultat: Die Unterstützung der Ukraine und Sanktionen gegen Russland werden vehement abgelehnt.
Männlichkeit und Benzin
In der Erzählung der US-amerikanischen Rechten ist die Sowjetunion zwar ein ökonomisch falsch konstruiertes Land, da es kein privates Eigentum gegeben habe, aber doch ein stolzes Imperium, in dem es heroische Männer gab. In den neuen Bundesländern positioniert sich die AfD mit Plakaten wie „Simson statt Lastenrad“ gegen „Gutmenschen“, die nach einem veganen Frühstück aufs Lastenrad stiegen, um Flüchtlinge zu füttern, paraphrasierte er das ideologische Schwarz-Weiß-Denken der Partei. Kürzlich führte der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke einen Konvoi der in der DDR hergestellten Kleinkrafträder an, um die benzingetriebene Lebenskultur zu betonen.
Nazis sind links?
So werde die DDR nicht als eine sozialistische Gesellschaft mit aktiven Betriebskampf-Gruppen, sondern als vollendeter preußischer Ordnungsstaat umgedeutet. „Es gab Uniformen, man achtete aufeinander – auch im staatlichen Auftrag“, skizzierte Weiß diese Lesart. Dank strikter Grenzpolitik kamen keine Fremden in das Land – die DDR war somit ein ethnisches Reservoir der weißen Deutschen. „Wenn Rechte wie Erika Steinbach oder Alice Weidel die NSDAP und Adolf Hitler als ,links’ etikettieren, können sie die Kriegsschuldfrage, Kriegsverbrechen und Shoa ad acta legen“, erläuterte er die Entlastungsstrategie. Als Vordenker dafür könne der Schriftsteller Ernst Mohler gelten, der erklärt hatte, dass die deutsche Rechte nur bis 1932 existiere – alles, was danach kam, habe mit rechts nichts mehr zu tun. Die SA-Losung „Alles für Deutschland“ steht in der Bundesrepublik unter Strafe. Beim AfD-Parteitag in Riesa wurden Plakate mit der Aufschrift „Alice für Deutschland“ verteilt.
Weiterführende Links:
- Stiftung Demokratie Saarland (12.11.2025): Das Deutsche Demokratische Reich – https://www.youtube.com/watch?v=Bh0_VDQpzSI
- Die Linke SC-RH (6.12.2025): War Hitler links, Frau Weidel? – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/geschichte/war-hitler-links-frau-weidel/
- Die Linke SC-RH (21.5.2022): Putin und der großrussische Nationalismus – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/putin-und-der-grossrussische-nationalismus/














