Was arm sein bedeutet

08. November 2025  Gesellschaft
Geschrieben von Kreisverband

Mit der Löschung von Datensätzen zu Armut sorgt das Statistische Bundesamt in Wiesbaden für eine Kontroverse (Wikimedia: Bärbel Miemietz, CC BY-SA 4.0).

Wer ist arm und wie wird das berechnet? Eine Kontroverse um Datenerhebung bei Armut ist Thema der Sendung „Systemfragen“ im Deutschlandfunk.

„Ich bekomme Existenzängste“

Maike erkrankte in der Pandemie an Long-Covid und konnte nicht mehr in ihrem Job arbeiten. Nach dreieinhalb Jahren liefen sämtliche Unterstützungen aus, nun bezieht sie als Berufsunfähige Bürgergeld bzw. Grundsicherung. „Wenn ich in der aktuellen politischen Debatte höre, dass das Bürgergeld wegen ,Missbrauch’ eingeschränkt werden soll, bekomme ich Existenzängste“, gestand sie. Da schon der momentane Regelsatz nicht zum Leben ausreiche, stünde sie jede Woche an der Tafel für Lebensmittel an.

Armut bei 1.381 Euro

Ein Berliner Flaschensammler beschrieb die voranschreitende gesellschaftliche Prekarisierung auf seine Art: Früher standen am 22. des Monats keine Pfandflaschen mehr an den Parkbänken – jetzt sind schon am 12. keine mehr zu finden.“ In Deutschland gelten Millionen Menschen als arm oder armutsgefährdet. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. 2024 lag diese Grenze bei Alleinlebenden bei 1.381 Euro, bei einer vierköpfigen Familie bei 2.900 Euro.

Million Menschen „verschwinden“

Laut der SILC-Stichprobe (Statistics on Income and Living Conditions) sind das 15,5 Prozent der Bevölkerung, eine zweite Berechnung kommt zu 16, Prozent. Doch diese wird mittlerweile nicht mehr veröffentlicht. Ulrich Schneider, früherer Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, kritisierte deshalb das Statistische Bundesamt und veröffentlichte mit weiteren Armutsforschern einen offenen Brief. Ihr Anliegen: Mehr als eine Million Arme würden so aus der Statistik verschwinden.

Viel kleinere Stichprobe

Das Statistische Bundesamt befragt regelmäßig rund 370.000 Haushalte, in denen etwa 800.000 Personen leben – also ein Prozent der deutschen Bevölkerung. Bei diesem Mikrozensus-Kern füllen die ausgelosten Haushalte Fragebögen, etwa zu ihrem monatlichen Einkommen, aus. Daneben gibt es noch den SILC-Fragebogen, den jeder 8. Haushalt (ca. 45.000) des Mikrozensus-Kerns ausfüllen muss. Hier werden Daten aus dem Vorjahr zu Einkommen, Bürgergeld oder Transferleistungen abgefragt. Seit 2025 werden nur noch die Ergebnisse dieser SILC-Stichprobe veröffentlicht. Somit erhalten Wohlfahrtsverbände und Einzelwissenschaflter*innen keinen Zugang mehr zu den Daten des Mikozensus-Kern.

Europaweite Befragung

Schneider mahnt an, dass wegen der zu geringen Datenbasis keine regionalen Armutsquoten – etwa für das Ruhrgebiet oder Südhessen – berechnet werden können. Das Statistische Bundesamt rechtfertigt sich damit, dass die SILC-Fragen viel detaillierter seien und europaweit erhoben würden. Eine weitere Befragung ist die Einkommens- und Verbraucherstichprobe (EVS), in der das Statistische Bundesamt alle 5 Jahre nach den Lebensunterhaltskosten – also Miete, Energiekosten, Lebensmittel, Kleidung oder Urlaub – fragt. Beim sozioökonomischen Panel (soep), einer Langzeitstudie, werden Familien, teilweise schon in der vierten Generation, befragt.

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