
„Young Carer“ sind Minderjährige, die jahrelang ihre Familienangehörigen pflegen. Die „Systemfragen“ des Deutschlandfunks beschäftigen sich mit dem Sachverhalt, der in Deutschland bisher nur unzureichend erforscht ist. Man schätzt jedoch, dass hierzulande rund 375.000 Kinder und Jugendliche davon betroffen sind.
Angst vor dem Jugendamt
Der britische Wissenschaftler Saul Becker hat den Begriff „Young Carer“ geprägt – pflegte er als 12-Jähriger seine an Parkinson erkrankte Großmutter, und zwar, bis er 24 Jahre alt war. Als 32-Jähriger beschloss er, zum Thema der „jungen Pflegenden“ zu forschen. In Großbritannien geht man davon aus, dass eine Million Heranwachsender dauerhaft Angehörige pflegen müssen. Denn die Dunkelziffer – auch in Deutschland – ist hoch. Betroffene Familien sagten häufig, die innerfamiliäre Situation gehe niemanden etwas an, erläuterte Sabine Metzing. „Sie haben Angst, dass das Kind wegen Kindeswohlgefährdung aus der Familie genommen werden könnte“, erklärte die Professorin für Pflegewissenschaft. Doch je dringender die überlasteten Familien Hilfe bräuchten, desto „unsichtbarer“ würden sie für die Gesellschaft.
Waschen und Intimpflege
Eine 2018 durchgeführte Befragung an über 6.000 Schüler*innen in Nordrheinwestfalen ergab, dass 6,1 Prozent der 10- bis 19-Jährigen Angehörige pflegten, 60 Prozent waren weiblich. Überträgt man diesen Wert auf die Bundesrepublik, wären das rund 375.000 Minderjährige mit Pflegeverantwortung – pro Schulklasse ein bis zwei Personen. Sie tragen die Verantwortung für Haushalt und Medikation, aber auch Ernährung, Mobilität und Ankleiden. Weitere Aufgaben sind oftmals Waschen und die Intimpflege. „Wer in den ersten beiden Kategorien unterstützt, gilt als ,Helfer*in’, bei zusätzlicher Aufgabenübernahme gilt man als „Pfleger*in“, sagte Metzing. Bei der Mobilisierung von Erwachsenen müssten die Kinder oftmals das Dreifache ihres Körpergewichts tragen, gab sie zu bedenken.
„Völliger Zusammenbruch“
Julia Stich war eine dieser Young Carer. Sie pflegte ihre an Multipler Sklerose erkrankte Mutter, ohne sich jedoch selbst als minderjährige Pflegekraft einzuordnen. Die 7-Jährige unterstützte die Mutter etwa darin, in den Rollstuhl zu kommen. Eine Großmutter half im Haushalt, der Vater arbeitete viel, um die Familie ernähren zu können. Als 10-Jährige musste sich Julia auch nachts um ihre Mutter kümmern, in der Schule ging es dadurch immer weiter bergab. „Mit 16 hatte ich einen völligen Zusammenbruch und war in der Kinder- und Jugendpsychiatrie“, beschrieb sie die Folgen.
Young Helping Hands
In der dortigen Klinikschule konnte sie ihren Realschulabschluss erreichen, die Familie erhielt Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst. Mit Sozialarbeiter*innen ging die 18-Jährige in die Disco und erlebte zum ersten Mal seit langem Lebensfreude. Mittlerweile hat Stich die Initiative „Young Helping Hands“ gegründet, um die Existenz von Young Carers in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Denn die Pflegeverantwortung von Kindern kann zum Abbruch der Schule und dem Verlust von Freund*innen sowie damit einhergehender Isolation führen. Auch Trauma durch Krankheit und Tod eines geliebten Menschen sind möglich. Als „Benefits“ bewerteten Befragte den Erwerb von Geduld und besseres Zuhören, das Übernehmen von Verantwortung und somit erwachsen zu werden. Auch gäbe es eine enge emotionale Beziehung zu den pflegenden Familienangehörigen.
Weiterführende Links:
- Deutschlandfunk (26.6.2025): Systemfragen. Zehntausende Kinder pflegen kranke Erwachsene – https://www.deutschlandfunk.de/young-carers-wenn-kinder-erwachsener-pflegen-100.html
- Young Helping Hands – https://young-helping-hands.de/
- Die Linke SC-RH (14.11.2025): Care-Arbeit. Pflegekräfte aus Osteuropa – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/care-arbeit-pflegekraefte-aus-osteuropa/














