
Ein Kapitalismus, der viele Arme und wenige Reiche produziert und dabei den Planeten zugrunde richtet ist nicht nachhaltig. Matthias Schmelzer sprach im Dissens-Podcast über ökologische Planung als kollektive Rückeroberung der Zukunft.
Feindbild Ökologische Wende
„Der ,Grüne Kapitalismus’ ist gescheitert“, stellte Matthias Schmelzer fest. Denn der Gedanke, man könne Wirtschaftswachstum ökologisch modernisieren und durch grüne Investitionen neue Akkumulationsmöglichkeiten generieren und so Wohlstand für alle schaffen, sei nicht umsetzbar. Stattdessen steigen die CO2-Emissionen weiter und sind 2025 so hoch wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. „Während wieder enorm viel Kohle und Öl verbrannt wird, erklärt man die ökologische Transformation zum Feindbild eines rechten Kulturkampfes“, beschrieb der Professor die aktuelle Situation.
Spürbare Folgen
Dabei seien Extremwetter mit Hitzerekorden und Ernteausfällen, aber auch die schwindende Biodiversität schon heute spürbar. „Die Ursachen dafür liegen im fossilen Kapitalismus, der auf ständigem Wachstum fußt“, bilanzierte er. Die globale Folgen: Öko-imperiale Spannungen als Kämpfe um Ressourcen, Handelskriege wegen schwindender Absatzmärkte und geostrategische Aufrüstungsdynamiken. „Die Wachstumsraten sind in den letzten Jahrzehnten immer weiter gesunken, was zu einer wirtschaftlichen Stagnation führt“, erklärte der Wirtschaftshistoriker.
Weltweite Ungleichheit
Dabei haben die 5 reichsten Männer der Welt ihr Vermögen seit 2020 fast verdoppelt, während 5 Milliarden Menschen in diesem Zeitraum ärmer geworden sind. „Das reichste Ein-Prozent besitzt aktuell 45 Prozent des globalen Vermögens“, wies er auf die Ungleichheit hin. Daran sehe man: Das Wachstum komme eben nur bei einigen wenigen an. Damit der Energie- und Materialumsatz schnell gesenkt werde, brauche es demokratische Entscheidungen über gesellschaftliche Investitionen. „Der freie Markt kann diese Prozesse nicht regeln“, sagte Schmelzer.
Kipppunkte des Ökosystems
Denn der IPPC spricht von einem sich sehr schnell schließenden Zeitfenster, um sich überhaupt noch eine lebenswerte Zukunft zu erhalten. Und dazu seien sofortige und weitreichende Änderungen in allen Sektoren und Systemen nötig. „Viele Wissenschaftler*innen gehen allerdings davon aus, dass das 2-Grad-Ziel gar nicht mehr erreicht werden kann“, bekannte er. Und eine Erwärmung von 3 Grad bedeute, dass mehrere Kipppunkte des Ökosystems überschritten werden. „Das Abschmelzen des westantarktischen Eisschilds hat möglicherweise schon jetzt begonnen“, warnte der Forscher. Auch könnte der Golfstrom abreißen und der CO2-speichernde Amazonas-Regenwald absterben.
Solidarität und Umverteilung
Und die Folgen? Risikomanagement-Expert*innen schätzen, dass eine Erwärmung um 3 Grad bis 2070 ökonomische Verluste von bis zu 50 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) bewirken könne. Begleiterscheinungen wären rund 4 Milliarden Todesfälle. „Wir müssen all unsere Kämpfe darauf setzen, die Temperaturkurve abzuflachen“, erläuterte der Klimaaktivist. Darunter fielen sowohl Wirtschaftswachstum als auch Emissionen durch Energie- und Ressourcenverbrauch. „Es braucht eine vorsorgende Anpassung gegenüber der Rückkopplung von ökologischer Destabilisierung und sozialem Zerfall, indem man auf Resilienz, Solidarität, Umverteilung und Kollapsvorsorge setzt“, riet Schmelzer. Zugleich müsse aber auch gegen die Interessen des fossilen Kapitals vorgegangen werden, um die Bedürfnisse aller zu verteidigen.
Millionär*innen zerstören die Welt
„Das kapitalistische Wirtschaftssystem zwingt uns, auf eine gesunde, sichere Zukunft auf dem Planeten zu verzichten und unsre Lebenszeit dem massiven Reichtum für wenige zu opfern“, kritisierte er. Allein der aktuelle Lebensstil der Millionär*innen brauche 72 Prozent des weltweit noch vorhandenen CO2-Budgets auf. „Das Degrowth-Konzept setzt dem etwas entgegen“, stellt Schmelzer klar. Statt privatem Konsum stehe hier die öffentliche Wohlfahrt im Mittelpunkt, um ein sicheres Leben für alle zu ermöglichen.
Weiterführende Links:
- Dissens (27.8.2025): Ökologische Planung als kollektive Rückeroberung der Zukunft – https://podcast.dissenspodcast.de/312-degrowth
- Die Linke SC-RH (4.4.2025): Mit Klassenkampf zur Commonisierung – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/mit-klassenkampf-zur-commonisierung/
- Die Linke SC-RH (8.11.2023): Degrowth oder grüner Kapitalismus? – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/global/degrowth-oder-gruener-kapitalismus/














