
Was können Karl Marx und marxistische Denker*innen nach ihm uns für unser heutige Lebenswelt sagen? Die Rosa-Luxemburg-Stiftung ging den Gegenwartsbezügen für unseren Alltag in der Podiumsdiskussion „Über die Aktualität materialistischer Gesellschaftskritik“ nach.
Militarismus damals und heute
„Beim Weltwirtschaftsforum in Davos wurde erklärt, jetzt sei die Zeit der Großmächte, die ihre Interessen mit militärischer und nicht-militärischer Gewalt einfach durchsetzen“, blickte Ingar Solty auf das große Treffen im Januar. Lese man dann die Schriften von Karl Kautsky, ähnele unsere Welt der von vor 1914 plötzlich sehr. „Die Diskussionen über Militarismus oder die Zusammenhänge von Militär, Inflation und Krieg könnten von heute stammen“, sprach der Autor der „Edition Marxismen“ über den deutschen Sozialdemokrat. Doch galt Kautsky für Kommunist*innen später als „Verräter des Marxismus“, während die Sozialdemokratie in seinem marxistischen Denken ein Problem sah.
Marx goes global
Mit der Unterstützung der sozialistischen Parteien Europas für den Ersten Weltkrieg brach das marxistische Denken und der proletarische Internationalismus 1914 zusammen. Die Arbeiter*innen identifizierten sich mit den Interessen ihres jeweiligen bürgerlich-kapitalistischen Staates und dem imperialistischen Krieg. „Erst die russische Oktoberrevolution von 1917 brachte den Marxismus wieder auf die Bühne der Weltgeschichte zurück“, rief Solty in Erinnerung. Vier Jahre später gründete sich die Kommunistische Partei Chinas und globalisierte damit die marx’sche Kritik an den bestehenden Eigentumsverhältnissen. Von dort ging es weiter über Vietnam und Afrika bis nach Mittel- und Südamerika. „Und heute sprechen wir vom Überschreiten der planetaren Grenzen durch den kapitalistischen Raubbau“, zog er eine Linie in die Gegenwart.
Krieg und Klimakatastrophe
2019 brachen die großflächigen Buschbrände in Australien aus, im Amazonasgebiet stand der Regenwald in Flammen – „Da hatte man die Hoffnung, die Welt sei überzeugt, etwas gegen die Klimakatastrophe zu tun und das 1,5-Grad-Ziel von Paris erreichen zu wollen“, sagte Solty. Doch dann kam die Corona-Pandemie und der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der Krieg von Hamas und Israel in Gaza, Trumps Machtansprüche auf Venezuela und Grönland sowie die blutige Repression in Iran.
Kraft und Hoffnung
„Mieten sind nicht mehr bezahlbar, die Menschen sollen länger arbeiten, Femizide sind praktisch zum Alltag geworden und die Klimakatastrophe ist überall spürbar“, beschrieb er die Gegenwart. Doch in solch einer Situation könne der Marxismus aufzeigen, wie die einzelnen Probleme miteinander zusammenhängen – und so eine andere, bessere Welt schaffen. „Das gibt auch in schwierigen Zeiten Kraft und Hoffnung“.
Marxismus ist international
Bei ihren Lesekreisen zum „Kapital“ meldeten ihr die Teilnehmer*innen oftmals zurück, wie hochaktuell sie das 1867 erschienene Buch für ihre heutige Lebensrealität empfinden, erklärte Bafta Sarbo. Auch bei der Frage, was man gegen die Probleme der Gegenwart tun könne, helfen die marxistischen Klassiker, so die Sozialwissenschaftlerin. „Heute gilt Walter Rodneys ,Wie Europa Afrika unterentwickelt’ zum absoluten marxistischen Klassiker auf dem afrikanischen Kontinent“, nannte sie einen Autor, der es nicht in die Edition-Reihe geschafft hatte. Der Marxismus helfe Menschen auf der ganzen Welt, ihre eigene politischen und ökonomischen Verhältnisse, unter denen sie lebten, zu verstehen – und sei somit keineswegs eurozentristisch, sondern international.
Edition Marxismen
Die 2025 veröffentlichte erste Edition umfasst neben Karl Marx und Friedrich Engels auch Clara Zetkin, Eduard Bernstein, Rosa Luxemburg und Karl Kautsky. Ebenso vertreten sind Lenin, Alexandra Kollontai, Leo Trotzki, Otto Bauer und Mao Tse-tung. Die zweite Edition, die 2026 erscheint, beinhaltet neben Nicos Poulantzas auch Rossana Rossanda und Suzanne de Brunhoff, während die dritte – für 2027 geplante – Edition unter anderem die Werke von Samir Amin, Frantz Fanon und Anwar Shaikh thematisieren wird.
Weiterführende Links:
- RLS (21.1.2025): Über die Aktualität materialistischer Gesellschaftskritik – https://www.youtube.com/watch?v=4pYKdXx9F6A
- Die Linke SC-RH (25.10.2022): Warum Marxist*in sein? – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/warum-marxistin-sein/
- Edition Marxismen – https://marxismen.de/














