Sozialismus in der Barbarei

29. August 2026  Global
Geschrieben von Kreisverband

Im Wald von Fontainebleau (Frankreich) brach am 12. Juli 2026 – vermutlich aufgrund von Brandstiftung – ein Feuer aus, das eine Fläche von etwa 2250 Hektar vernichtete. (Wikimedia: Jdkxhdjj, CC0)

Wie kann eine sozialistische Gesellschaft in Zeiten der Klimakrise und planetarer Kipppunkte gedacht werden? Kohei Saito sprach in der Rosa-Luxemburg-Stiftung über sein jüngstes Buch „Am Ende des Fortschritts“.

Zeit der Veränderung

Als sein Buch „Systemsturz“ 2020 veröffentlicht wurde, sei dies in einer ganz anderen Zeit geschehen, findet Kohei Saito rückblickend. Der „Green New Deal“ der EU und – aufgrund der Corona-Pandemie – die systemrelevanten Berufe seien Thema gewesen. Auch hätten die Lockdowns die negativen Auswirkungen digitaler Ungleichheit in den Fokus gerückt. „Die Klimakrise wurde als entscheidendes Problem anerkannt“, kommt er auf einen weiteren Unterschied zur Gegenwart zu sprechen.

Gemeinsam wirtschaften

Doch da der Kapitalismus von sich aus immer weiter expandieren und Profite anhäufen müsse, könne es mit diesem Wirtschaftssystem keinen Umbau zu einer nachhaltigen Ökonomie geben. Stattdessen müsse das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werden. „Alles – Rohstoffe und Infrastruktur – muss miteinander geteilt werden“, brachte der die Kernaussage seines Degrowth-Kommunismus auf den Punkt. Die Commons als wirtschaftliche Organisationseinheit müssten gestärkt werden, um einen gemeinschaftlichen Nutzen zu schaffen.

Die Klimakrise ist da

6 Jahre nach dem Erscheinen seines ersten Buches herrsche Krieg in der Ukraine, in Gaza sowie gegen den Iran, leitete er zu seinem aktuellen Werk „Am Ende des Fortschritts“ über. Die Inflation stieg und kaum jemand sprach noch über den Klimawandel. Denn das unmittelbare wirtschaftliche Überleben der Menschen habe für sie größere Priorität. 2024 überstieg die Durchschnittstemperatur die 1,5-Grad-Marke. „Das hätte laut Expert*innen erst 2100 passieren dürfen“, betonte Saito. Auch die im Pariser Klimaabkommen vereinbarte 2-Grad-Marke werde überschritten. „Schon Karl Marx hat gewarnt, dass der Stoffwechsel im Kapitalismus vollkommen verzerrt ist“, erinnerte der Philosoph.

Kampf um Wasser

Und der Riss, der dabei entstehe, werde unheilbar sein. Und skizzierte die Zukunft: Werde der Klimawandel nicht aufgehalten, würden die Ressourcen immer knapper. Es komme zu mehr Naturkatastrophen und Klimaflüchtlingen. „Die Kämpfe um das verbliebene Wasser, Land und Nahrung verschärfen sich“, stellte Saito klar. Und: Der Klimawandel ist unumkehrbar. Die künftigen Sommer werden nur noch heißer werden. „Da die planetaren Grenzen überschritten sind, müssen wir uns auf eine düstere Zukunft vorbereiten“, hielt er fest.

Digitale Tech-Monopole

Bei der heute gängigen Nutzung digitaler Angebote fallen stets Gebühren oder „Renten“ an, von denen die Besitzer*innen der Tech-Konzerne leben. „Das ist wie im mittelalterlichen Feudalismus“, beschrieb er das System. Google, Amazon und Tesla investierten massiv in neue Datenzentren und KI – und stünden darin in gegenseitiger kapitalistischer Konkurrenz. Seien im 20. Jahrhundert noch Autos oder Waschmaschinen hergestellt und der entstehende Mehrwert der Arbeiter*innen-Klasse abgepresst worden, gehe es nun um besagte „Rente“. Netflix und andere würden lediglich das monopolisieren, was andere Personen hergestellt haben. „Diese digitale Ökonomie macht unsere Gesellschaft nicht reicher, sondern schafft durch die Monopolisierung von Wissen oder Kommunikation nur künstliche Knappheit“, warnte Saito.

Sozialismus in der Barbarei

Die Konzerne sammelten all unsere Daten, um mehr Reklame zu verkaufen, KI zu trainieren und uns zu manipulieren und zu überwachen. „Diese Macht des Kapitals durchdringt unser ganzes Leben“, erklärte er mit Blick auf KI-Assistent und Smart Home. Die aktuelle Frage laute – mit Rosa Luxemburg gesprochen – nicht mehr: „Sozialismus oder Barbarei?“ Denn durch das Überschreiten der planetaren Grenzen werde es durch auftretende Naturkatastrophen und den Mangel an Nahrungsmittel automatisch zu Barbarei kommen. „Der Sozialismus muss in der Barbarei der Klimakrise geschaffen werden“, forderte Saito.

Die Wirtschaft koordinieren

Die digitalen Plattformen können in Kombination mit KI in ungeheuer großen Maße zur sozialistischen Planung beitragen“, so seine Prognose. Momentan planten nur private Konzerne, um ihren eigenen Profit zu maximieren. In einer demokratischen Planung jedoch könnten Produktion, Konsum und Verteilung zum Wohle aller Menschen koordiniert werden. „Dabei müssen die Folgen des ökologischen Zusammenbruchs immer mitbedacht werden“, bezog sich Saito wieder auf die stattfindende Klimakrise. Sozialdemokrat*innen würden hingegen immer noch von „grünem Wachstum“ und „Dekarbonisierung“ sprechen. „In der Realität ist das aber utopisch“, setzte er es in den Kontext ökologischer Kipppunkte.

„Zwangsmaßnahme“ Vergesellschaftung

„Wir müssen anerkennen, dass die Zukunft schlimmer werden wird“, forderte er. Sozialismus könne die Grundlage dafür schaffen, dass in dieser Situation möglichst alle überlebten. Um das zu erreichen, brauche es jedoch verschiedene Zwangsmaßnahmen. „Die Gesellschaft und Wirtschaft müssen für die Mehrheit der Menschen, also die Arbeiter*innen-Klasse, demokratisiert werden“, erklärte er. Ein Beispiel sei das Volksbegehren „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ – eine Demokratisierung des Wohnungsmarktes mit der „Zwangsmaßnahme“ der Vergesellschaftung privater Konzerne.

Die „ökologische Diktatur“

„Die komplette Infrastruktur und gesellschaftliche Daseinsfürsorge muss vergesellschaftet werden“, forderte Saito. Es brauche Verbote und höhere Steuern für Reiche. „Diese Durchsetzung der Interessen der Mehrheit gegenüber den Überreichen nenne ich eine ,ökologische Diktatur’“, sagte er. Statt der bisherigen kapitalistischen Monopolisierung sollten die Menschen gleichberechtigt in Genossenschaften entscheiden, was sie produzieren wollten. Wissenschaftliche Expert*innen, Politiker*innen und Bürger*innen könnten im Zuge dessen gemeinsam Höchstwerte – etwa für CO2-Emissionen – festlegen.

Weiterführende Links:

« zurück