
Der wirtschaftliche Aufstieg ostasiatischer Länder, allen voran China, führt zu grundlegenden Veränderungen im Selbstverständnis des Westens. In der 5. Folge von „Weltunordnung“, dem internationalen Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung sprach der Politikwissenschaftler Daniel Marwecki über diesen Prozess und wo sich Deutschland und Europa wiederfinden könnten.
„Asien entscheidet“
„Trumps MAGA-Bewegung ist eine Reaktion auf den gefühlten oder realen Abstieg des Westens und den Aufstieg Chinas“, erklärte Daniel Marwecki. So habe „der Westen“ mit Blick auf Menschenrechten der Welt nur wenig zu bieten. Auch hatte westliche Entwicklungshilfe kaum ein Land zu nachhaltigem Wohlstand befähigt. „Die Klimafrage wird in Asien entschieden werden“, kam der Politikwissenschaftler auf die große Menschheitsaufgabe zu sprechen – und nicht in den USA oder Europa. Somit nehme der Westen in keinem Feld der Internationalen Politik eine Vorreiterrolle ein – mit Ausnahme der US-amerikanischen Militärmacht. „Bis auf Gewaltfähigkeit ist da nicht viel“, bilanzierte er.
Der Westen
Doch was ist „der Westen“? Als Großbritannien und Frankreich im 19. Jahrhundert die Welt dominierten, waren Süditalien und Osteuropa genauso agrarisch-arm wie der Großteil der nichtwestlichen Länder. Seitdem habe sich der Westen auf die EU, die NATO-Mitgliedsstaaten, Neuseeland und Australien erweitert. Die islamisch geprägte Türkei sei dagegen zwar NATO-Partner, aber nicht Teil der EU. Und wirtschaftlich werde Japan dem Westen zugehörig betrachtet, die Bevölkerung würde sich hingegen kaum als „westlich“ bezeichnen.
Nation und Kapitalismus
„Wenn man den heutigen Welthandel daraufhin untersucht, welche Länder Rohstoffe und welche Industriegüter exportieren, kommt man den kolonialen Abhängigkeiten des 19. Jahrhunderts sehr nahe“, erläuterte der Politikwissenschaftler. Der Historiker Eric Hobsbawm macht den Beginn des Westens mit der Französischen Revolution 1789 und dem daraus entstehenden Nationalstaat sowie der Industriellen Revolution im England der 1830er Jahre aus. „Die erfolgreiche Kombination aus modernem Nationalstaat mit stehendem Herr und industriellem Kapitalismus ist das Werkzeug, mit dem sich der Westen die Welt unterwirft“, bilanzierte Marwecki.
Kolonie und Diktatur
Auf die Zeit des Kolonialismus folgten nach dem Zweiten Weltkrieg Dekolonialisierungsbewegungen. So wurde der Kongo 1960 von Belgien unabhängig, die Uranminen blieben jedoch im Besitz eines belgischen Bergwerkskonzerns. Der antiimperialistisch eingestellte Premierminister Patrice Lumumba wurde von den USA und Belgien gestürzt, zerstückelt und in Schwefelsäure aufgelöst – und das Uran weiterhin an den Westen geliefert. In Kongo errichtete der vom Westen gestützte Militärchef Mobutu eine 32-jährige Diktatur.
Teufelskreis Freihandel
„Wer in die westliche Welt aufsteigen will, muss Nationalität, Kapitalismus und Militär vorantreiben“, erklärte er. Das hätten nur wenige ehemalige Kolonien geschafft, da diese mit der Ausbildung einer Nation, Grenzsicherung und wirtschaftlichem Wachstum große Aufgaben zu bewältigen hätten. „Freihandel ist eine Methode, um nichtindustrielle Länder kleinzuhalten“, skizzierte Marwecki die damaligen Rahmenbedingungen. Denn diese müssten die technisch besseren Güter von den „Global Players“ kaufen, ohne jedoch ihre schlechteren Produkte dort verkaufen zu können.
Aufstieg in Südostasien
In Südostasien hätten Länder wie Südkorea, Japan, Taiwan, Hongkong oder Singapur den Aufstieg jedoch geschafft. „Sie haben den globalen Kapitalismus mit Schutzzöllen, der Herstellung von kompetitiven Produkten und der gezielten Belieferung des Weltmarkts gezielt für sich genutzt“, beschrieb er deren Wirtschaftsstrategie. Somit entschied sich diese Methodik kaum von der Politik, die das aufstrebende Deutsche Reich in den 1880er Jahren gegenüber der wirtschaftlichen Weltmacht Großbritannien anwandte.
Auto-Produzent China
Die Globalisierung und die damit einhergehende Verlagerung US-amerikanischer Tech-Unternehmen wie Apple nach China habe es der Volksrepublik erleichtert, auf der Technologie-Leiter aufzusteigen. Bis vor kurzem verkaufte VW rund 25 Prozent seiner Autos nach China. „Jetzt sind die deutschen Hersteller von heimischen Firmen wie BYD abgelöst worden, die kostengünstige und qualitativ hochwertige E-Autos produzieren“, erläuterte Marwecki den Wandel. Die wirtschaftlichen Folgen in Deutschland durch diesen „China-Schock“ werden seiner Einschätzung nach dramatisch sein.
Militär statt Modernisierung
„Deutschland lockerte die Schuldenbremse, um Militärausgaben zu finanzieren“, thematisierte er die Entscheidungen im Bundestag. Geld, das also nicht in Bildung, Infrastruktur oder die Modernisierung des Landes fließen könne, obwohl dieses mit Blick auf Brücken und das Schienennetz im wortwörtlichen Sinne zerfalle. Doch könne die Anschaffung der „größten konventionellen Armee Europas“ auch zu einer Aufrüstungsspirale führen, da der Gegenüber sich dadurch bedroht fühlen könne.
Würdevolles Abstiegsmanagement
„In der deutschen Politik gibt es keine Visionen, wie eine Welt ,nach dem Westen’ aussehen könne“, kritisierte Marwecki. Ein erster Schritt in diese Richtung sei seiner Ansicht nach ein würdevolles Abstiegsmanagement und die Aufgabe der eigenen Überlegenheitsbehauptung. „Europa könnte zu einem relativ neutralen, aber verteidigungsfähigen Akteur werden“, blickte er nach vorne. Denn die militärische Abschreckung gegenüber Russland sei im Rahmen des 2-Prozent-Ziels durchaus realisierbar. Neben einer Diplomatie in alle Richtungen – wie bei den südostasiatischen Ländern gegenüber China und den USA – brauche es auch eine fairere Verteilung des Wohlstands im eigenen Land, forderte er.
Weiterführende Links:
- RLS (25.9.2025): Weltunordnung. Geht der Westen unter, Daniel Marwecki? – https://www.youtube.com/watch?v=xHhmncuKU4U
- Die Linke SC-RH (5.1.2025): Kapitalismus, Konkurrenz und die Automobilbranche – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/kapitalismus-konkurrenz-und-die-automobilbranche/
- Die Linke SC-RH (27.10.2024): Armutszeugnis. Wettbewerbsfähigkeit – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/armutszeugnis-wettbewerbsfaehigkeit/














